Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Suche nach einer dritten Möglichkeit

Mittwoch, 10. Oktober 2001

Der Westen hat es zugelassen, daß seine Kultur als Pornographie und Verbrechen wahrgenommen wird / Von Tamim Ansary

Frankfurter Allgemeine Zeitung

In der letzten Zeit wurden mir viele schwierige Fragen gestellt. Zum Beispiel: "Wie viele muslimische Fundamentalisten gibt es?"

Es ist ja nicht nur so, daß mir die technischen Mittel fehlen, eine solche Zählung durchzuführen. Die Frage ist überhaupt falsch gestellt. Der militante islamische Fundamentalismus ist keine Bevölkerung, sondern eine Idee. Zweifellos gibt es terroristische Untergrundzellen, die gezählt werden können und vernichtet und ausgerottet werden müssen. Doch es gibt auch ein breites Spektrum von Muslimen, die keine Terroristen sind, aber militant denken, die keine Militanten sind, aber fundamentalistisch denken, die keine Fundamentalisten, aber fromm sind, die nicht fromm, aber religiös sind, die keine praktizierenden Muslime sind, aber dem Islam nahestehen. Normalerweise können diese unterschiedlichen Gruppen koexistieren. In Kriegszeiten fällt die Mitte weg, und alles drängt sich an den Extremen.

Wo verläuft die Trennungslinie in der muslimischen Welt? Ich weiß es nicht. An dem einen Ende stehen Usama Bin Ladin und seine Terroristen, die eine Idee propagieren, die einige Menschen attraktiv finden. Der Krieg gegen den Terrorismus ist kein Kampf um Land, sondern um Menschen. Und die Menschen, um die es geht, leben nicht im Westen, sondern in der islamischen Welt, zu der auch die Muslime im Westen gehören. Viele dieser Muslime sind junge Leute, erfüllt von dem romantischen Wunsch, sich einen Platz in der Welt zu erobern und Anerkennung zu finden. Viele sind entwurzelte Individuen in Regionen, in denen die stärkere westliche Kultur den Islam zersetzt hat. Einige sind verbitterte, kleine Leute, die sich übergangen fühlen.

Der heraufziehende Krieg wird nicht nur mit Waffen geführt, sondern auch mit Sprache und Bildern. Mir scheint, daß der Westen, der seine Raketen gerade abfeuert, im Begriff ist, diese Schlacht zu verlieren. Versetzen wir uns einmal in diesen Jugendlichen und fragen uns, was ihn mitreißt. Auf der einen Seite sieht er Bin Ladin, der nicht hinter einem Schreibtisch sitzt, sondern in einer Höhle, gekleidet im schmucklosen Gewand des strenggläubigen Muslim, der so sanft aussieht und doch so stark ist - ein Mann, der seinen Weg geht. Dieser Jugendliche stellt sich vor, daß er später einmal wie Bin Ladin wird oder . . . wie wer? Wie sieht das andere Bild aus? Ist es Bush, der im blauen Anzug das Weiße Haus verläßt? Nein. Es gibt überhaupt keine romantische Heldenfigur auf der anderen Seite.

Die Fundamentalisten sprechen von der frühislamischen Gemeinschaft Muhammads, die sie wiederherstellen wollen, aber eigentlich berufen sie sich auf einen altmodischen Islam, der immerhin so frisch ist, daß sich viele Leute an ihn erinnern können.

Ich selbst bin in diesem altmodischen Islam aufgewachsen. Ich wurde im Afghanistan der fünfziger Jahre geboren, in einer Gesellschaft, die vom Islam so durchdrungen war wie das mittelalterliche Europa vom Christentum. Im Rückblick erscheint dieses Afghanistan wie der wahrgewordene Traum militanter Fundamentalisten. Fast jeder Afghane betete fünfmal am Tag. Es gab keinen Alkohol. Während des Ramadan fasteten nahezu alle. Ausländische Reisende sahen nur Männer auf den Märkten und konnten leicht glauben, daß die Frauen wie Gefangene weggeschlossen waren.

Die Wirklichkeit sah jedoch ganz anders aus. Die Menschen beteten aus freien Stücken. Niemand wurde von bewaffneten Tugendwächtern dazu gezwungen. Wer fastete, empfand sich als Teil einer heiteren Gemeinschaft und war stolz darauf, mit den Armen zu fühlen. Gewiß, die Öffentlichkeit gehörte den Männern, aber es gab eine reiche private Welt, die der Fremde nicht zu sehen bekam, eine Welt, in der Männer und Frauen zusammenlebten und die Frauen Macht besaßen. Vor nicht allzu langer Zeit gab es in der islamischen Welt ein funktionierendes Modell für sozialen Frieden, Geborgenheit und Ordnung. Menschen, die in die Enge getrieben werden und wählen sollen, können sich für dieses Bild entscheiden - und für welches andere Bild denn noch? Der Westen hat es zugelassen, daß seine Kultur als Pornographie, Verbrechen, Entfremdung, Einsamkeit wahrgenommen wird und als eine unglaubliche Überfülle von materiellen Gütern, die die verelendeten Massen in der islamischen Welt zum größten Teil nicht haben. Was mag einen ratlosen Menschen anziehen, der von seiner Familie entfremdet ist und sein Leben als sinnlos empfindet?

Ein General erklärte mir kürzlich in einer Talkshow: "Der Krieg der Ideen ist vorbei. Jetzt haben wir Demokratie." Ganz so einfach ist es nicht, Herr General. "Demokratie" ist ein Schlagwort aus einer Zeit, als der große Kampf der Geschichte zwischen Demokratie und Totalitarismus geführt wurde. Bin Ladin kommt das sehr gelegen, denn Demokratie scheint sich mit einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft zu decken, in der die göttlichen Gebote nicht mehr beachtet werden. Wohlgemerkt, ich gebe die Kritik militanter fundamentalistischer Muslime nur weiter, ich teile sie nicht. Ich bin ein säkular denkender Mensch, ich lebe im Westen, habe die westliche Kultur angenommen. Damit meine ich die Chance, ein sinnvolles Leben zu führen, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, sich in der Gesellschaft zu engagieren, die Gedanken und die Kunst anderer Zeiten zu studieren, Freundschaften mit Angehörigen beider Geschlechter zu pflegen und so weiter. Habgier und blinde Vergnügungssucht stoßen mich genau so ab wie die Fundamentalisten. Dieser Aspekt der westlichen säkularen Gesellschaft repräsentiert aber für viele Muslime die Demokratie insgesamt. Wer erweckt das andere Bild wieder zum Leben?

Der Westen sagt: "Kommt zu uns. Wir werden die Störenfriede ergreifen, mit militärischen Mitteln für Ordnung sorgen, und dann in eurer Nähe eine Nike-Fabrik bauen, dann werdet ihr alle Jobs haben." Die Terroristen sagen: "Kommt zu uns. Wir bitten euch nur, daß ihr euch wie Muhammad kleidet, auf alle Formen von Vergnügen verzichtet, was kein großes Opfer ist, da euer Leben ohnehin nicht sehr amüsant ist und auf absehbare Zeit auch bleiben wird. Und daß ihr die religiösen Vorschriften befolgt. Das alles sind Dinge, die euch möglich sind. Und wenn ihr das tut, dann wird Gott auf die Welt kommen, und seine Macht wird stärker sein als Technik, Waffen und Geld, und er wird auf Erden eine vollkommene Form jenes verlorenen Lebens wiederherstellen, nach dem ihr euch sehnt." Das ist keine Magie, aber für einen einfachen, machtlosen Menschen hat das seinen Reiz. Und sonst?

Es gibt da ein kleines Sprachproblem. Neulich sah ich einen Artikel über eine in Virginia erscheinende afghanische Zeitung. Der Autor machte sich über die "mangelnde Objektivität" der Zeitung lustig (er zitierte aus einem Nachruf auf einen verstorbenen afghanischen Politiker). Die Sprache war in der Tat außerordentlich blumig. "Dieser Sohn der Generationen, dieser Held sondergleichen, wie er nie wieder auf Erden geboren wird . . ." Doch das ist nicht mangelnde Objektivität - so sprechen die Afghanen! Dies ist eine Sprache, die bei ihnen ankommt. Der westliche Journalismus steht aus ihrer Sicht nicht unbedingt für größere Präzision oder Zuverlässigkeit. Man empfindet ihn als teilnahmslos und inhuman.

Berät irgend jemand die amerikanischen Politiker, was für eine Sprache sie verwenden sollen, wenn sie zu den Muslimen reden? Gestern gab ein amerikanischer Politiker eine "Versicherung" ab, wonach Amerika nicht in Afghanistan sei, um Bin Ladin zu jagen. "Wir sind nicht hinter einem einzelnen Menschen her", sagte er. Ich vermute, er wollte der Welt ein zivilisiertes Bild vermitteln: daß die amerikanische Kampagne nichts mit persönlicher Rache zu tun habe. Doch dort, wo ich herkomme, ist Rache nichts Schlimmes. Viel schändlicher ist es, eine Rechnung begleichen zu wollen, seine Rache aber an den Freunden und Nachbarn des Betreffenden auszulassen. Man würde sagen: "Wenn du ein Problem mit diesem Kerl hast, dann knöpf ihn dir persönlich vor. Sei ein Mann!"

Schließlich noch etwas Grundsätzliches. Wenn Muslime gezwungen werden, sich zwischen der terroristischen Vision und etwas anderem zu entscheiden, dann kann dieses andere nicht die säkulare, westliche Demokratie sein. Das funktioniert nicht. Es muß eine andere Version eines integren Islam sein. Im Westen kommt Präsident Bushs Ultimatum ("Entweder für uns oder gegen uns") gut an, weil es so entschlossen klingt.

Muslime brauchen jedoch eine dritte Option. Man muß ihnen sagen, daß sie, wenn sie in diesem Kampf auf der Seite Amerikas stehen, eine Chance haben, ihre eigene Gesellschaft aufzubauen, ohne Einmischung von außen. Muslime guten Willens werden diese andere Version des Islam mit Eloquenz und Überzeugung vorbringen müssen. Es reicht nicht, zu erklären, der Islam sei eine Religion des Friedens. Inwiefern? Bitte genauer! Und sagt das nicht dem Westen. Sagt es den Muslimen. Mein Vater war auf seine Weise ein fundamentalistischer Muslim. Er sagte mir: "Mein Sohn, unsere Religion hat im Grunde damit zu tun, daß man ein guter Mensch sein soll. Es kommt nicht auf die Rituale an, sondern auf dein Verhalten und auf deine Ansichten. Wenn du glaubst, daß alle Menschen denselben Gott verehren, dann bist du ein Muslim. Wenn du ehrlich bist und ein Herz für andere Menschen hast, dann bist du ein Muslim. Wenn du nach Gerechtigkeit strebst, wenn du die Witwen ernährst und die Waisen versorgst (Afghanen drücken sich so aus) - dann bist du ein Muslim." Wenn diese Art Fundamentalismus den Sieg davontrüge, ginge es uns allen etwas besser.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Der Verfasser stammt aus Afghanistan und ist Sohn eines afghanischen Exilpolitikers. Er lebt als Kinder- und Schulbuchautor in den Vereinigten Staaten. Ein erster Artikel von Tamim Ansary erschien in dieser Zeitung am 18. September unter der Überschrift "Er glaubt, hinter ihm stehe eine Milliarde Soldaten". Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2001, Nr. 235 / Seite 60


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