von Tilman Müller
Aus: Stern Nr. 40 vom 27.09.2001
Nach Jahren des Bürgerkriegs waren sie eigentlich am Ende. Sie hofften auf die Taliban. Doch auch die brachten nur Schrecken über das Land. Dürre und Hunger haben die Menschen in Afghanistan weiter geschwächt. Mit der Jagd auf Osama Bin Laden droht nun das nächste Desaster.
Zwischen den Ruinen ist ein karger Markt entstanden. Auf klapprigen Wagen haben die Händler ein Paar Tomaten und ein Paar Bund Rettich ausgebreitet. Von einer Stange hängt ein mageres Huhn herab für die wenigen Kunden, die sich noch Fleisch leisten können. Nicht weit davon entfernt stochern Kinder in einem Altkleiderberg. Esel ziehen Karren mit Stroh über die verschmutzte Straße.
Manche der Männer, die an den wenigen Waren entlangziehen, hinken. Sie haben einen Fuß oder das ganze Bein verloren. Dazwischen huschen vereinzelte Frauen vorbei. In ihren Burkas, zeltartigen Ganzkörperkitteln, sehen sie nur ungefähr, wohin sie treten. In der Öffentlichkeit reden sie kaum miteinander. Schweigend verschwinden sie zwischen den Ruinen, als seien sie auf der Hut, nur keinen Anstoß zu erregen bei den Männern mit den langen Bärten, den schwarzen Turbanen und dem herausfordernden Blick. Sie herrschen seit fünf Jahren hier in Kabul und haben ihre Spitzel überall. Sie nennen sich Taliban, Studenten, und sind die erbarmungslosesten Gotteskrieger der Welt.
Musik und Schach spielen sind in ihrem Reich verboten. Drachen steigen lassen und Fernsehen ebenso. Frauen und Mädchen dürfen nur auf die Straße, wenn ein männliches Familienmitglied sie begleitet. Männern ist es untersagt, sich zu rasieren. Wer den Bart kurz trägt, wird ausgepeitscht. Afghanistan nach 22 Jahren Krieg - die Taliban haben das Land zum tristesten Platz auf Erden gemacht. Und sie scheinen entschlossen, ihre ultrastrenge Auslegung des Korans mit aller Gewalt durchzusetzen.
Am Eingang zum Fußballstadion Kabul drängeln sich verschleierte Frauen, Männer in Pluderhosen, Zigarettenverkäufer. Es ist Freitag, der islamische Sonntag. Ein guter Tag für eine Hinrichtung. Das weiß jeder. Schon fahren Toyota-Geländewagen heran. Mitten auf dem Rasen kommen sie zum Stehen, am Steuer und auf der Ladefläche die Schergen des "Ministeriums zur Verhinderung des Lasters und zur Förderung der Tugend". Sie holen eine Frau aus dem Fahrzeug und zerren sie über das Fußballfeld bis zum Strafraum. Wahrscheinlich sieht sie nur ungefähr, was um sie herum geschieht. Womöglich ahnt sie nur, was nun passieren wird. Vielleicht hat der Gatte sie beschuldigt, eine Ehebrecherin zu sein. Vielleicht hat eine Nachbarin sie als Prostituierte denunziert.
Die Männer auf den Rängen johlen. An der 16-Meter-Linie muß sich die Frau niederknien. Ein Religionspolizist hebt sein Gewehr. Für einen Moment wendet die Frau ihren Kopf nach hinten - da kracht der Schuß. Er zerschmettert ihr das Genick.
Die Exekution, von einem Unbekannten gefilmt und der britischen Journalistin Saira Shah zugespielt, ist einer der seltenen Beweise für die Barbarei des Taliban-Regimes. Bisher war es den Machthabern in Kabul meist gelungen, die grausame Wirklichkeit ihrer Schreckensherrschaft vor dem Rest der Welt zu verbergen. Denn in ihrem Gottesstaat herrscht ein strenges Bilderverbot: Wer beim Fotografieren oder Filmen erwischt wird, muß mit Auspeitschung oder Schlimmerem rechnen.
Zu den wenigen Taliban, die sich ablichten lassen, gehört der Außenminister des Regimes, Wakil Motawakil. Auf die öffentlichen Hinrichtungen angesprochen, verteidigt er die Politik seines Landes mit eiferndem Zynismus. Ein Fußballstadion sei doch ein "Ort der Freude", sagt der bärtige Minister. Für einen wie ihn sei es eben eine Freude, wenn jemand "seiner gerechten Strafe zugeführt" werde. Im Übrigen könne der Westen jederzeit Geld für andere Hinrichtungsstätten in Afghanistan sammeln - "Dann können wir in den Stadien wieder Fußball spielen".
Von einem Zipfel im Nordosten Afghanistans abgesehen, kontrollieren die Taliban heute 90 Prozent des Landes. Und sie werden nicht müde zu behaupten, die mehr als 20 Millionen Einwohner, die noch nicht geflohen sind, seien mit ihrer Regierung zufrieden. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Immer wieder kommt es trotz der drakonischen Strafen zu Demonstrationen gegen die Klerikaldiktatur. So berichtet der pakistanische Journalist Ahmed Rashid,, Autor einer Studie über das Taliban-Regime, von Widerstandsaktionen gegen die Religionspolizei in der westafghanischen Stadt Herat. Dort hatten die Sittenwächter am 3. Juni ein Hospital gestürmt. Sie wollten Ärzten wie Krankenpflegern die Haare vom Kopf rasieren, weil deren Kinnbärte zu kurz gewachsen seien.
Die Ärzte wehrten sich. Mit bloßen Fäusten schlugen sie auf die bewaffneten Polizisten ein und zogen später mit einer Schar von Demonstranten vor das Haus des Gouverneurs, um gegen die religiösen Eiferer zu protestieren.
Quer durch das bitterarme Land wächst der Unmut unter der Bevölkerung. Nach Jahren des Bürgerkriegs hatten die Menschen gehofft, mit dem Siegeszug der Taliban zöge nicht bloß Ruhe ein. Erschöpft von den jahrelangen Schlachten, erst gegen die Sowjets und dann der Clans und Gruppen untereinander, sehnten sich die Meisten nach nichts mehr als einem langsamen Wiederaufbau der zerstörten Städte, der verrottenden Dörfer, der vernachlässigten Felder. Vergebens: Die eher moderaten Kräfte unter den Taliban verlieren zusehends an Einfluß.
Spätestens zu Beginn dieses Jahres hat, so Afghanistan-Kenner Rashid, eine dünne Schicht von Hardlinern um Mullah Mohammed Omar die Macht an sich gerissen. Seither verfolgt der erzkonservative Religionsführer mit dem pompösen Titel "Herrscher der Gläubigen" einen wahnsinnigen Isolationskurs. Erst beschimpfte er das Christentum als "nichtswürdige Religion", dann ließ er die zum Weltkulturerbe zählenden Buddha-Figuren von Bamian sprengen. Wenig später ordnete er an, jeder afghanische Hindu müsse ein gelbes Erkennungszeichen tragen - angeblich zum Selbstschutz vor Übergriffen der islamistischen Tugendwächter.
Mullah Omar, der zur Volksgruppe der Paschtunen gehört und aus einem Lehmhüttenkaff im Süden des Landes nahe der Stadt Kandahar stammt, ist ein gefährlicher Mann. Der Taliban-Krieger der ersten Stunde fühlt sich dem althergebrachten Ehrenkodex des "Paschtunwali" verpflichtet und damit der Blutrache und der bedingungslosen Gastfreundschaft. Zugleich will er am Hindukusch "den reinsten islamischen Staat auf Erden" errichten. Er gilt als öffentlichkeitsscheuer Sturkopf, der alles Geld in Waffen und in Moscheen steckt und dabei die Bevölkerung verhungern läßt. Zum Schwiegervater hat er den gefährlichsten Terroristen der Welt: Osama Bin Laden.
Nicht einmal unter den Paschtunen - 40 Prozent der Bevölkerung - genießt der Emir uneingeschränkte Unterstützung. Alle anderen Volksgruppen, vor allem die Tadschiken, die mongolisch-stämmigen Hazara und die Usbeken, lehnen den Machthaber ab.
Im Frühsommer legte sich Mullah Omar auch noch mit den internationalen Hilfsorganisationen an. Dabei funktioniert in Afghanistan nahezu die gesamte öffentliche Fürsorge - der Betrieb der Bäckereien, der Unterhalt der Spitäler bis hin zur städtischen Wasserversorgung - nur dank dieser Hilfswerke. Zuerst verbot Omar Ausländerinnen das Autofahren. Dann wurde das Welternährungsprogramm der vereinten Nationen, das in 116 Bäckereien gut 300 000 notleidende Afghanen durchfütterte, so lange schikaniert, bis es kein Brot mehr gab. Die UN-Organe seien von jüdisch-amerikanischen Frauenorganisationen "beeinflußt, die gegen das islamische Emirat sind", schimpfte Außenminister Motawakil.
Im August erreichte das Kesseltreiben seinen Höhepunkt: Acht Mitarbeiter der Organisation shelter now, darunter vier Deutsche, wurden in Kabul inhaftiert. Sämtliche Hilfsorganisationen haben Afghanistan inzwischen verlassen. Dem durch den Bürgerkrieg ausgebluteten Volk droht eine neue Hungersnot, vielleicht die schlimmste überhaupt.
Etwa ein Viertel der Afghanen ist auf ausländische Hilfe angewiesen. Fünf Millionen Afghanen sind auf der Flucht. Aus Angst vor amerikanischen Bomben haben noch einmal Tausende die größeren Städte verlassen und irren in den Bergen umher. Experten prophezeien ein humanitäres Desaster, das die Flüchtlingskatastrophen des Balkankriegs bei Weitem übertreffen könnte.
"Es könnte Millionen von Toten geben", sagt Dominic Nutt vom amerikanischen Hilfswerk Christian Aid. Erst vor Kurzem hatte Nutt das Maslakh-Camp bei Herat besucht: "Dort sterben täglich bis zu 40 Menschen. Die Meisten von ihnen haben ihre Dörfer zu spät verlassen und waren bereits bei der Ankunft so schwach, daß sie keine Überlebenschance hatten."
Die Dürre der vergangenen drei Jahre hat die ohnehin katastrophale Lage im Süden und Westen weiter verschärft. Wo einst Flüsse Granatäpfelplantagen bewässerten und blühende Siedlungen versorgten, fließt nicht mal mehr ein Rinnsal. Ganze Stauseen sind ausgetrocknet. Obstbäume sind in der gleißenden Sonne verdorrt. An vielen Orten buddeln Menschen Baumwurzeln aus dem staubtrockenen Boden, um sie als Feuerholz zu verkaufen.
Am Meisten leiden die Kinder. Laut dem Kinderhilfswerk der vereinten Nationen erlebt jedes vierte Kind seinen fünften Geburtstag nicht. Jedes Jahr sterben in Afghanistan fast 300 000 Jungen und Mädchen, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben.
Wo immer ausländische Experten in Afghanistan zuletzt forschten - stets waren die Resultate niederschmetternd. Nur 13 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Hälfte der Kinder war nie in einer Schule. 70 Prozent der über 15jährigen, so die Weltbank, können weder schreiben noch lesen. Überall im Land sind Minen vergraben. Der Bürgerkrieg hat eine halbe Million verkrüppelter Waisen hinterlassen.
Die Ernten der letzten beiden Jahre sind praktisch ausgefallen. Vor Monaten schon sprachen Mitarbeiter des roten Kreuzes davon, daß das Gras "zum traditionellen Gemüse rfür den Notfall" geworden sei. Die Bewohner der nordöstlichen Provinz Badakhshan verzehren Pattak, ein Viehfutter, das bei Menschen zu einer Lähmung der Glieder führen kann.
Bis zu ihrem Exodus haben manche Hilfsorganisationen versucht, an den Taliban vorbei zu helfen. Denn im Gegensatz zu anderen radikal-islamischen Gruppen, etwa der palästinensischen Hamas, veranstalten die Gotteskrieger Afghanistans keine Armenspeisungen in Elendsvierteln. Hinter ihren Moscheen gibt es keine Kliniken, wo Ärzte Bedürftige auch kostenlos behandeln wie in den Moscheen der Moslembruderschaften in Ägypten. Die Machthaber führen sich aurf wie eine Horde von Besatzern. Das gilt besonders für die Truppen von Osama Bin Laden - etwa 10 000 (...) aus arabischen Kändern und aus Tschetschenien, unabhängig von der 25 000 Mann starken Taliban-Armee.
"Ich bin mir sicher, daß die Taliban bei 90 Prozent der Bevölkerung verhaßt sind", sagt Michael Pohly. Der berliner Arzt und Ethnologe forscht seit 20 Jahren in der Region, organisierte zuletzt im Juni ein Hilfsprojekt in Herat. Die stets so fromm daherredende Führungsclique sei, so Pohly, im Transitschmuggel zwischen Pakistan und den Golfstaaten aktiv und verdiene zudem kräftig beim Drogenhandel. "Zwar ist der Mohnanbau inzwischen verboten, nicht jedoch der Verkauf der nach wie vor reichen Bestände", sagt er. "Der Preis für ein Kilo Rohopium stieg etwa in der Provinz Logar zuletzt von 35 auf 135 US-Dollar." Bin Laden profitiert ebenfalls von dem schmutzigen Geschäft. Bis vor Kurzem habe er, so Pohly, zwei Heroin-Labors in Sarobi betrieben.
Amerika droht mit Militäraktionen, um Osama Bin Laden zu fassen. Dabei weiß niemand genau, wo sich der schwerreiche Schattenkrieger wirklich aufhält. Nur Eines ist sicher: Die Einzigen, die dem Angriff der Amerikaner nicht entkommen können, sind die Millionen von Zivilisten, die seit mehr als 20 Jahren auf Frieden hoffen.