Meine Rückkehr nach New York: Lernprozesse einer offenen Gesellschaft angesichts ihrer Feinde / Von Susan Sontag
Natürlich wäre ich am 11. September am liebsten in New York gewesen. Aber ich war in Berlin. Mein erster Eindruck von den Ereignissen in den Vereinigten Staaten wurde also durch die Medien vermittelt. Ich saß achtundvierzig Stunden vor dem Bildschirm und schaute CNN. Dann kehrte ich an meinen Laptop zurück, um einen wütenden Kommentar über die idiotischen, irreführenden und demagogischen Sprüche zu schreiben, die von amerikanischen Politikern und Medien verbreitet wurden. Dieser kurze Text ("Feige waren die Mörder nicht", F.A.Z. vom 15. September), der auf heftige Kritik stieß, war ja nur eine erste, wenngleich sehr zutreffende Reaktion. Der eigentliche Schmerz stellte sich dann schubweise ein.
Als ich in der Woche nach dem 11. September spätabends in New York eintraf, fuhr ich vom Kennedy-Flughafen sofort zum Ort des Anschlags, so nahe heran, wie das eben möglich war, und stapfte eine Stunde durch die Trümmerberge dieses qualmenden, übelriechenden, etwa sechs Hektar großen Massenfriedhofs im südlichen Manhattan.
Angesichts der Realität der Zerstörung und des immensen Verlustes an Menschenleben trat die politische Rhetorik, die mich zunächst so beschäftigt hatte, in den Hintergrund. Mein Konsum an Realität via Fernsehen war auf das übliche Niveau zurückgegangen, also Null. In Amerika besitze ich kein Fernsehgerät, aber wenn ich im Ausland bin, sehe ich natürlich fern. Zu Hause sind meine wichtigsten täglichen Nachrichtenquellen die "New York Times" und mehrere europäische Zeitungen, die ich online lese. Und Tag für Tag bringt die "Times" herzzerreißende kurze Lebensläufe mit Fotos von vielen der Tausende, die in den entführten Flugzeugen und im World Trade Center den Tod fanden, auch von den mehr als dreihundert Feuerwehrleuten, die die Treppen hinaufstürmten, während ihnen die Büroangestellten entgegenkamen. Unter den Toten waren nicht nur die gutverdienenden, ehrgeizigen Finanzmanager, die dort ihre Büros hatten, sondern auch viele einfache Leute, Handwerker, Sekretärinnen und mehr als siebzig Küchenkräfte (überwiegend Schwarze und Hispanics) des Aussichtsrestaurants "Windows on the World". So viele Geschichten, so viele Tränen. Nicht zu trauern wäre barbarisch, so wie es barbarisch wäre, zu denken, daß diese Toten sich von den Opfern anderer abscheulicher Massaker unterschieden, von Srebrenica bis Ruanda.
Die Vereinigten Staaten sind ein merkwürdiges Land. Die Leute haben einen deutlich anarchischen Zug und gleichzeitig einen geradezu abergläubischen Respekt vor dem Gesetz. Sie beten unmoralischen Erfolg an und haben ausgeprägt moralische Vorstellungen von Richtig und Falsch. Sie betrachten Regierung und Steuererhebung als äußerst suspekte, geradezu sittenwidrige Unternehmungen, aber in Krisenzeiten schwenken sie die Fahne, bekennen sich als Patrioten und stellen sich hinter die Politiker. Vor allem glauben sie, daß Amerika eine Ausnahme in der Geschichte der Menschheit ist und immer verschont bleiben wird von den üblichen Beschränkungen und Katastrophen, die andere Nationen prägen.
Zur Zeit kann man einen heftigen Konformismus hierzulande beobachten. Die Leute waren überrascht und schockiert, daß der Anschlag vom 11. September überhaupt stattfinden konnte. Sie haben Angst. Die erste Reaktion besteht darin, die Reihen zu schließen (um dieses militärische Bild zu verwenden) und Patriotismus zu demonstrieren - als ob dieser durch den Anschlag in Frage gestellt worden wäre. Das Land ist ein einziges Meer von amerikanischen Fahnen. Sie hängen aus den Fenstern von Wohnhäusern, schmücken Geschäfte und Restaurants, wehen an Kränen und Lastwagen und Autoantennen. Sich über den Präsidenten lustig zu machen - ein beliebtes Hobby der Amerikaner, ganz gleich, wer gerade Präsident ist - gilt jetzt als unpatriotisch. Journalisten, wenige, sind entlassen worden. Lehrer wurden öffentlich getadelt, weil sie im Unterricht vorsichtige Fragen gestellt haben (beispielsweise, warum Bush am Tag des Anschlags unerklärlicherweise abgetaucht war). Selbstzensur, die wichtigste und erfolgreichste Form von Zensur, greift um sich. Diskussionen werden mit Opposition gleichgesetzt, und Opposition gilt als illoyal. Es besteht weithin der Eindruck, daß wir uns in dieser neuen Krise (mit offenem Ausgang) unsere traditionellen Freiheiten vielleicht nicht mehr "leisten" können. Meinungsumfragen zeigen, daß sich Bush auf die Zustimmung von mehr als neunzig Prozent der Bevölkerung stützen kann - eine Zahl, die den Wahlergebnissen in den alten Diktaturen sowjetischen Typs nahekommt.
Nach den Anschlägen vom 11. September haben sich zwei Deutungsmuster herausgebildet. Das erste besagt, daß dies ein Krieg sei, ausgelöst durch einen "feigen Angriff", vergleichbar dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, der zum Eintritt der Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg führte. Das zweite Denkmodell (das in den Vereinigten Staaten und in Westeuropa zunehmend Verbreitung findet) besagt, daß dies ein Kampf zweier rivalisierender Kulturen sei: hier eine produktive, freie, tolerante und säkulare (oder christliche), dort eine rückschrittliche, bigotte und rachsüchtige.
Ich lehne beide Interpretationen - das "Wir führen jetzt Krieg"-Modell und das "Unsere Kultur ist der anderen überlegen"-Modell - als vulgär und gefährlich ab. Nicht zuletzt deswegen, weil dies die Denkweise jener Leute ist, die diesen verbrecherischen Anschlag verübt haben, und der Fundamentalisten des wahhabitischen Islam. Nur ein streng definierter Militärschlag böte die Chance, die Bedrohung durch jene Bewegung zu verringern, die neben Usama Bin Ladin selbstverständlich noch viele andere Führer hat.
Einerseits ist der Terrorismus, der am 11. September einen so signalhaften Erfolg erzielte, offensichtlich eine globale Bewegung. Er ist nicht mit einem bestimmten Staat, schon gar nicht mit diesem verwüsteten Afghanistan zu identifizieren, so wie Pearl Harbor mit Japan zu identifizieren war. Wie die moderne Wirtschaft, die Massenkultur, wie pandemische Krankheiten (man denke nur an Aids), so kennt der Terrorismus keine Grenzen.
Ich bin der Ansicht, daß ein Vergleich zwischen dem 11. September und Pearl Harbor nicht nur unzutreffend, sondern auch irreführend ist. Es würde bedeuten, daß wir es mit einem anderen Staat zu tun haben. In Wahrheit sind es eher subnationale, transnationale Kräfte, die das mächtige Amerika demütigen wollen. Usama Bin Ladin ist allenfalls Chef eines umfangreichen Netzwerks von Terrorgruppen. Einige informierte Leute glauben sogar, daß er nur eine Art Aushängeschild ist, daß er eher wegen seines Geldes und als charismatische Persönlichkeit geschätzt wird, weniger als fähiger Organisator. Nach Ansicht dieser Leute werden die Aktionen, die in vielen Ländern noch zu erwarten sind, von einem harten Kern ägyptischer Fundamentalisten geplant.
Ich glaube nicht, daß Amerika die islamische Welt seit Jahren provoziert. Amerika ist in vielen Ländern brutal und imperialistisch aufgetreten, aber es unternimmt keine breitangelegte Operation gegen "die islamische Welt". Und bei aller Kritik an der Außenpolitik und der imperialen Arroganz Amerikas darf nicht vergessen werden, daß die Anschläge vom 11. September ein abscheuliches Verbrechen waren.
Als jemand, der seit Jahrzehnten mit lauter Stimme amerikanische Untaten anprangert, bin ich besonders empört beispielsweise über das Embargo, das der verarmten, unterdrückten irakischen Bevölkerung soviel Leid bringt. Die Ansicht, die ich unter amerikanischen Intellektuellen wie Gore Vidal und vielen bornierten Intellektuellen in Europa entdecke - daß Amerika sich diese schreckliche Katastrophe selbst zuzuschreiben, daß es Mitschuld habe an den Tausenden Toten -, diese Ansicht kann ich nicht teilen.
Bei aller Kritik an der amerikanischen Außenpolitik: Dieses Massaker zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, indem man den Vereinigten Staaten die Schuld dafür gibt, ist obszön. Terrorismus ist Mord an unschuldigen Menschen. In diesem Fall war es Massenmord.
Inakzeptabel erscheint mir auch die Ansicht, daß Terrorismus - dieser Terrorismus - nichts anderes sei als die Durchsetzung legitimer Forderungen mit den falschen Mitteln. Ich möchte es ganz deutlich sagen: Würde sich Israel morgen einseitig aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen zurückziehen und würde tags darauf ein eigener palästinensischer Staat ausgerufen, der sich auf umfassende israelische Hilfs- und Kooperationsgarantien stützen könnte - an den terroristischen Projekten, die gegenwärtig geplant werden, dürfte das nichts ändern. Salman Rushdie hat darauf hingewiesen, daß Terroristen sich gern in legitime Forderungen hüllen. Der Kampf gegen Unrecht ist nicht ihr Ziel - nur ihr unverschämter Vorwand.
Diejenigen, die das Massaker vom 11. September verübten, wollten nicht den Palästinensern oder den leidenden Menschen in den meisten islamischen Ländern zu ihrem Recht verhelfen. Der Anschlag ist real. Es ist ein Anschlag auf die Moderne (die einzige Kultur, in der die Emanzipation der Frauen möglich ist) und, jawohl, auf den Kapitalismus. Und wir haben gesehen, daß die moderne Welt, unsere Welt, extrem verwundbar ist. Eine militärische Antwort - kein Krieg, sondern eine komplexe und präzise definierte antiterroristische Operation - ist notwendig und gerechtfertigt.
Amerika ist eine bemerkenswert tolerante, aber auch konformistische Gesellschaft. Das ist das Paradox der politischen Kultur hierzulande. Sollte es aber in der näheren Zukunft einen weiteren Terroranschlag auf dem Boden der Vereinigten Staaten geben, selbst wenn dabei nur vergleichsweise wenig Menschen umkämen, so dürften Meinungsvielfalt und Diskussion bleibenden Schaden nehmen. Eine Art Kriegsrecht könnte verhängt werden, was zu einer Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten, besonders der Redefreiheit, führen würde. Noch bin ich vorsichtig optimistisch. Ein Teil der wütenden Angriffe auf kritische Intellektuelle wie mich - und wir sind nur wenige - wird sich angesichts der konkreten Schwierigkeiten, vor denen die Leute stehen (etwa der drohenden Rezession), wohl bald legen.
Im Moment ist in Washington wenig Cowboysprache zu hören - vermutlich das Ergebnis energischer Debatten in höchsten Regierungs- und Militärkreisen. Offensichtlich haben unsere Kriegsherren erkannt, daß wir es mit einem außerordentlich komplexen "Feind" zu tun haben, den man nicht mit den alten Mitteln besiegen kann. Daß man bei der Entscheidung über die zu ergreifenden Maßnahmen zögerte, hat nichts mit der öffentlichen Meinung in Amerika zu tun, die ja für eine rasche Bestrafung gewesen war.
Man kann nur hoffen, daß etwas Kluges geplant wird, damit die Menschen sicherer sind vor dem Dschihad gegen die Moderne. Und man kann nur hoffen, daß Bush, Blair und andere wirklich begriffen haben, daß es sinnlos (oder wie sie sagen: kontraproduktiv) und schlimm wäre, die unterdrückten Völker von Afghanistan, im Irak und anderswo zur Vergeltung für die Untaten ihrer Tyrannen und fanatischen religiösen Machthaber zu bombardieren. Man kann nur hoffen . . .
Aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2001, Nr. 236 / Seite 49