vier Berichte aus der Taz
"Dschihad ist ein politischer Slogan"
Ein Interview mit dem somalischen Schriftsteller Nurrudin Farah über die Haltung des Islam zur Frage der Berechtigung von Gewalt und Vergeltung: "Die Schwachen bewegen sich auf eine komische, ungesunde Art."
taz: In Ihrem Buch "Vater Mensch" befassen Sie sich mit dem Thema "Islam und Gewalt", ein Thema, das aufgrund des Terroranschlags auf die USA besonders diskutiert wird.
Nurrudin Farah: Es geht darum, ob es legitim ist, Gewalt zu politischen Zwecken anzuwenden, ob es islamisch ist, einen Mord zu begehen, an jemandem, den du als ungerecht wahrnimmst. Im Islam ist das Töten einer unschuldigen Person auch deshalb ein Verbrechen, weil es gleichgesetzt wird mit der Ermordung der gesamten Menschheit. In jedem menschlichen Wesen ist die gesamte Menschheit präsent. Ich gebe darauf in meinem Buch keine kategorische Antwort, da ich literarisch die Zweifel verarbeite, die in meinem Denken vorherrschen. Aber unabhängig von dem Roman kann man diese Frage auch auf das anwenden, was in New York passiert ist.
Und die Antwort wäre dann?
Es ist nicht islamisch. Ich habe diesen Roman 1983 geschrieben, als Teil der Trilogie "Variationen über das Thema einer afrikanischen Diktatur", in der ich mich aus verschiedenen Blickwinkeln mit der damaligen somalischen Militärdiktatur unter Siad Barre auseinandersetze. Die Frage ist: Ist es legitim, akzeptabel im Islam, Gewalt anzuwenden, um eine Diktatur zu stürzen. Um diese Frage zu beantworten, muss man zuerst andere Fragen klären: Über welche Art von Diktatur reden wir? Wer ist die Person, die für die Sache kämpfen will? Hast du selbst ein reines Gewissen? Wenn das der Fall ist, geht es um das Motiv: Verhält diese Person sich inhuman, also "unislamisch", denn islamisch bedeutet "rein, pur, friedlich".
In ihrem Buch "Vater Mensch" stellt sich die Frage: "Würde einem von Gott vergeben werden, wenn man sich ihm stellt, nachdem man den Diktator umgebracht hat? Sieht man die USA als "Weltdiktator", wie es Fundamentalisten tun mögen, stellt sich hier eine ähnliche Frage?
Es gibt eine klare Aussage: Gewalt wird im Islam nicht vergeben, sie wird immer bestraft. Die Taliban sind unislamisch. Keine islamische Gemeinschaft, nicht einmal der Iran, akzeptiert das Verhalten der Taliban. Aber lassen Sie mich noch etwas zum Fundamentalismus generell sagen: Mehr Muslime haben unter den Fundamentalisten gelitten als Nichtmuslime, mehr als die Amerikaner - ohne dass das Wort "Dschihad" fällt. Der Begriff ist ein Jargon, ein Slogan politischer Parteien. Der Angelpunkt ist aber nicht die Religion, sondern die Gewalt. Wenn man im Mittleren Osten die Religion außen vor ließe, würde der Begriff Dschihad gar nicht auftauchen: "Gewalt" würde einfach "Gewalt" bleiben. Der Begriff fällt erst, wenn es gegen Nichtmuslime geht.
Haben Sie Verständnis für die Fundamentalisten?
Der islamische Fundamentalismus entsteht auf einem bestimmten Nährboden. Es ist ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Und ich würde mit den Fundamentalisten übereinstimmen, was die Ausgangsbasis, die Kritik an ihren eigenen zerrütteten, repressiven Regimen anbelangt. Mein Widerstand, wenn ich dort leben würde, wäre aber säkularistisch motiviert. Sie bewegen sich dagegen in Richtung Religion und Gewalt. Es ist eine Religion von Eiferern. Diese Leute gehen Jahrhunderte zurück, als der Prophet Mohammed den Glauben begann, als ob sie selbst die Initiatoren einer neuen Religion wären. Als ob sie einen neuen Glauben zum Vorschein brächten, da alle anderen gescheitert sind. Als wäre sie die einzigen Bannerträger.
Hans Magnus Enzensberger hat kürzlich geschrieben, eines der Probleme des Islam insgesamt wäre, dass er schon lange keine produktiven Ideen mehr entwickelt habe und sich daher "ausschließlich in der Negation der Moderne erweise".
Ich würde es nicht so ausdrücken. Aber der Islam wurde nach der Niederlage gegen die Kreuzzügler zu einem besiegten Glauben - während Europa es schaffte, einen Modus Vivendi mit der Religion zu finden und Ideen des Säkularismus zu entwickeln. Später kamen die europäischen Staaten, die bereits säkularisiert waren, in die Türkei, nach Afghanistan, den Mittleren Osten, überallhin, wo die Religion unberührt geblieben war. Diesem Kolonialismus widersetzten sich Menschen als Muslime. Es ist also in erster Linie eine antikolonialistische Einstellung, die bis heute fortdauert. Und manche haben die Kolonialisten durch die Amerikaner ersetzt.
Gegen was wehren sie sich?
Gegen jemanden mit andersartigen Vorstellungen, die er ihnen auferlegen will. Und die Amerikaner sehen sich ja selbst auch als Bannerträger.
Nach den Anschlägen taucht bei westlichen Kommentatoren, aber auch bei Afrikanern wie Okwui Enwezor, dem Leiter der nächsten documenta, die These vom "Clash of Civilisations" auf.
Es ist die Arroganz der judäo-christlichen Welt, anzunehmen, es gäbe einen solchen Zusammenprall. Das Problem im Nahen Osten ist ein territoriales, ein Problem der Vorherrschaft. Die Palästinenser sind nicht alle Muslime, das muss man im Hinterkopf behalten. Die Huntington-These funktioniert noch aus zwei anderen Gründen nicht. Erstens: Die Mehrzahl der Muslime überall auf der Welt hat eine tolerantere Einstellung gegenüber den Europäern, den Amerikanern und allen anderen, als die judäo-christliche Welt gegenüber den Muslimen. Zweitens: Die Mehrheit der Muslime weiß eine Menge mehr über die Bibel und das judäo- christliche Selbstbild als umgekehrt. Wie viele Deutsche, wieviel Christen kennen Sie, die den Koran gelesen haben? Ich kann Ihnen Millionen von Muslimen nennen, die die Bibel kennen? Der Grund, warum sich die Muslime ständig zu widersetzen scheinen, ist nicht die Religion, sondern: die muslimischen Nationen sind schwach. Und was tut der Schwache? Er verletzt sich in einem Konflikt mehr als den Gegner.
Das kann man bei dem Terroranschlag auf New York aber nicht sagen? Der hat ins Zentrum der Macht getroffen.
Er war aber nicht erfolgreich. Sonst hätten sich die Muslime nicht distanziert. Es geht nun aber - unabhängig vom Islam - um das grundsätzliche Problem der Vergeltung. Hannah Arendt und Karl Jaspers haben in ihren Schriften zum Nationalsozialismus dieses Problem aufgegriffen: Ist es möglich, eine Gruppe von, sagen wir, einhundert Verbrechern, die für den Tod von 6 Millionen Menschen verantwortlich sind, ausreichend zu bestrafen? Was soll man mit Eichmann tun? Die Tat selbst ist so viel größer als jede Bestrafung, die man ihm auferlegen könnte. Die Drahtzieher müssen selbstverständlich gestoppt werden, damit sie keine weiteren Gräueltaten begehen. Aber diejenigen, die sie bestrafen wollen, müssen auch gewarnt werden hinsichtlich der unschuldigen Menschen, mit denen diese Leute sich umgeben. Afghanistan ist bereits in die Steinzeit zurückgebombt. Wenn es darum geht, die Taliban loszuwerden, muss man sich gut überlegen, wie?
Der 11. September hat nachhaltige politische Folgen. Auch in Deutschland, das grundsätzlich für begrenzte Zuwanderung optiert, geben die Terroranschläge Rückenwind für Forderungen, diese Zuwanderung weiter zu erschweren. Haben Sie dafür Verständnis?
Nein. Die Deutschen gehen überallhin auf der Welt. Wer das tut, muss auch der Welt erlauben, zu ihm zu kommen. Aufgrund der Anschläge in den USA die Tore zu schließen, kann nur mehr Schwierigkeiten bereiten.
Konkret speist sich die Diskussion daraus, das am Anschlag beteiligte Attentäter, in Hamburg studiert haben. Solchen Terrorzellen will man vorbeugend begegnen ?
Wie sollte das funktionieren?
Durch die Anschläge und die bevorstehenden Reaktionen ist Afrika aus der internationalen Agenda nahezu herausgefallen. Sehen Sie darin eine Gefahr für den Kontinent?
Afrika ist das größte Opfer dieser Gewalt, der Logik Bin Ladens: Bei den Anschläge auf die amerikanischen Botschaften in Daressalam und Nairobi starben nur wenige Amerikaner, dafür aber fast 600 Afrikaner. Wie viele Menschen haben sich etwas daraus gemacht?
Wie kommt es, dass andererseits im afrikanischen Nigeria die Gewalt zwischen Muslimen und Christen als Erstes ausgebrochen ist?
Die Gewalt wurde vom Militär des Landes orchestriert. Es gibt dort eine zivile Regierung, und die Militaristen wollen diese Regierung zerstören. Eine Art, das zu tun, ist, sektiererische Gewalt zu schüren, insbesondere weil der Premierminister, ein Exgeneral, Christ ist. Sie wollen ihm das Regieren so schwer machen, dass das Militär sagen kann, die Situation sei zu unsicher, sie müssten die Macht wieder übernehmen. Die Ursache des Konflikts hat mit Macht zu tun, nicht mit Religion oder Kultur.
Dennoch braucht man Leute, die den Konflikt austragen.
Sicher. Man gibt dieser Gruppe Gewehre, dann jener. Gewöhnlich setzen sich solche Gruppen aus unterprivilegierten Menschen zusammen. Die Leute, die kämpfen, sind selten aus der Mittelklasse. Sie gehören alle zum "Proletariat", es sind einfache Leute, denen man sagt: "Das ist der Mann, der dir deinen Job wegnimmt." Die Schwachen bewegen sich auf eine komische, ungesunde Art. Sie gehen nie geradeaus. Und sie töten sich öfters gegenseitig.
Interview: MARTIN HAGER
taz Nr. 6563 vom 1.10.2001, 308 Zeilen, MARTIN HAGER
Gelähmtes Morgenland
Das Unbehagen vieler Muslime gegenüber der westlichen Moderne hat Gründe, die auch mit der kulturellen Selbstbeschränkung der "orientalischen Länder" zu tun haben. Gerade die Bewegung gegen den Kolonialismus in Nordafrika Anfang der Sechzigerjahre hat die Liberalität in Ländern wie Tunesien und Algerien unterdrückt. Die Verachtung gegenüber der modernen Vulgarität des Westens wird zum moralischen Gefängnis
von HÉLÉ BÉJI
Der orientalische Mensch von heute ist ein zutiefst einsames Wesen, aber seine Einsamkeit wurde nicht zum Ferment des Aufbegehrens und des Ungehorsams - jener schmerzhaften und stillschweigenden Voraussetzung der Freiheit. Seine Einsamkeit wurde von einer fast spontanen Unterwerfung unter die politische Willkür aufgefangen, die selbst dem Klarsichtigsten die innere Bereitschaft nimmt, seinen Zielen Form, Substanz und Elan zu verleihen.
Die Gewalt, die er - abgesehen von der Armut - zu spüren bekommt, ist die Verweigerung des Rechts, die Verlogenheit der Information, die Tyrannei der Regierung, die Fiktion einer Verfassung, die Würdelosigkeit der Richterschaft, die Überwachung durch die Partei, die Farce der Wahlen et cetera. Mit anderen Worten: Alle Legitimität, die der neue Despotismus an sich gerissen hatte, hat jeglichen Widerstandsgeist in ihm abgetötet. Daher ist er ebenso unfähig zu handeln wie sich zu orientieren. Unfähig, die Ursachen seiner Unterwerfung zu begreifen, fügt er sich in eine Hörigkeit, die den Kolonialismus weithin überlebt hat. Diese Unterwürfigkeit des Kolonisierten wurde durch die nationale Unabhängigkeit und die nationale Idee mit einer zusätzlichen - unvorhersehbaren und tückischen - Rigorosität genährt, die viel tiefgreifender ist, als dies während der Kolonialzeit der Fall gewesen war.
Sie ging nämlich in jenem Dazugehörigkeitsgefühl auf, in dem jede Vorstellung von dauerhaften Freiheitsrechten wie in einer Reuse gefangen ist: Die Identität trat an die Stelle der Freiheit, die Partei an die Stelle des Gewissens, der Militarismus an die Stelle des Staatsbürgergeistes, der Staat an die Stelle des Rechts, die Diktatur an die der Republik. Seit der Unabhängigkeit erlebte der "Staatsbürger" eine Reihe von Gewaltakten, die er unbewusst selbst verursachte und deren heimtückischer Agent er war, worauf er sich anschließend als ihr Opfer wiederfand.
Der moderne orientalische Despotismus ist ein unbewegliches Zentrum mit einem gefräßigen Umfeld, dessen obszönste Formen der Personenkult und eine permanente Fiktion offizieller Verlautbarungen sind. Seine idealisierten Erscheinungsformen haben sich auch in der Kultur ausgebreitet und finden in den Intellektuellen die narzisstischen und puritanischen Begleiter des politischen Abenteurers.
Die Einheitspartei, die schwülstige Sprache der Reden und Leitartikel, die Beweihräucherung der Führer, die historische Selbstgefälligkeit, Zensur und Propaganda - all dies sind nicht etwa zufällige Begleiterscheinungen dieser neuen Kultur, sondern ihre diffuse Übersetzung, die Stimmen ihrer Verschwörung. Diese Kultur grenzt an Überwachung, sie ist tief durchdrungen von dieser politischen Mentalität und wurde in ihren repressivsten Aspekten in Wirklichkeit zugleich mit der Unabhängigkeit geboren.
Die zweifelhafte Liebe, die Herren und Untertanen miteinander verbindet, die Einschüchterung durch die Partei, die Usurpation von Ämtern und Titeln, die Xenophobie, die Beschwörung des kulturellen Erbes, die weihevolle Kostümierung der neu geschaffenen Institutionen - all dies ist von einem schwer zu fassenden Klima der Intoleranz beherrscht.
Man erkennt selbst in den weltlichsten politischen Aktionen die Einschüchterungskraft der Religion: die Vergötterung des Herrschers, die maßlose Verherrlichung seiner Person, seine Gleichsetzung mit der Vorsehung, seine beinahe übernatürliche Aura samt Hagiographie, Heiligsprechung und Unsterblichkeit. Diese Sakralisierung wirkt auch auf die widerspenstigsten und rationalsten Geister.
Und am Ende fixieren sie unbewusst ihr gesamtes Denken auf ein demiurgisches Prinzip, durch das der Staat selbst zu einem lebenden Organismus wird. Sein Bild infrage zu stellen, kommt auch ihnen einem Angriff auf die Instanz der Nation gleich.
Wenn der orientalische Mensch zu seiner großen Überraschungt entdeckt, dass die Berufung auf das Recht die guten Sitten und das Rechtsempfinden beleidigt, dass Abgeordnete, Staatsbeamte, Gesandte, Gouverneure, neue und alte Minister, Botschafter, Notabeln und Bankiers als Repräsentanten der Nation an keinem einzigen Tag ihres Lebens ihrem wahren Gesicht als Staatsbürger begegnet sind oder in sich selbst seine Stimme wiedererkannt haben, wenn er entdeckt, dass die Verfassung nur die Bemäntelung der Nichtteilhabe ist, die Wahlen nur ein Plan der Beraubung und die "Kultur" eine Verfälschung des ethischen Lebens - wenn er all dies erkannt hat, findet er auf der anderen Seite des Abgrunds das staatsbürgerliche Bild des Westens wieder: Parlamente, Zeitungen, Gewerkschaften, Verfassungen, Rechtsprechung et cetera -, moderne Schatten, die allmählich von ihm Besitz ergreifen wie unauslöschliche Begleiter, wie die Luft, die er atmet, wie eine tief greifende Identität.
Die Glaubwürdigkeit der neuen Despotien wird, was immer sie tun, ständig durch etwas erschüttert, was sie schließlich selbst erdrückt, nämlich das Gefühl für Recht und Gesetz. Die Moderne setzt der politischen Entfremdung eine gesetzliche Grundlage entgegen, die jenseits des örtlichen Territoriums steht. Und der Okzident wird zu einer rettenden Zuflucht, zu einem eigenen Bild, zu einer Instanz, zu einem Bewusstsein. Der Abglanz der modernen Welt hat sich, ohne dass der Orientale es bemerkt oder gewollt hätte, in all seinen Beziehungen zu den Dingen, im Dialog mit seinesgleichen und in seiner Begegnung mit sich selbst ausgebreitet. Doch er hat sich nicht darum bemüht, diese Welt kennen zu lernen oder zu entschlüsseln. Er hat lediglich versucht, ihr die Rivalität einer Tradition entgegenzusetzen, die ihrerseits nur ein epigonaler und verfälschter Niederschlag der Moderne ist, der alle Symptome der Hassliebe eines Verliebten gegenüber der unwiderstehlichen Versuchung der Technik aufweist.
Wenn seine Tradition ihm in keiner Weise hilft, die moderne Welt zu überwinden, wenn sie ihre Rolle nicht erfüllen kann, die Gegenwart zu erhellen und zu begreifen, wenn sie aus sich selbst nur die Energie zur Heuchelei schöpft und das Trugbild einer entscheidenden Konfrontation mit dem Okzident erzeugt, um das Fehlen einer Alternative zu vertuschen, dann ist der orientalische Mensch nie so weit von jenem Horizont der Spiritualität entfernt gewesen, die er in seiner eher oberflächlichen Vision dem abendländischen Materialismus entgegenhält.
Mag er sich aus Verachtung gegenüber der modernen Vulgarität auch als humaner, genussfähiger, kontemplativer, beständiger und zivilisierter als der Abendländer darstellen, so ist dieses Bild, hinter dem er sich verschanzt hat, zu einem moralischen Gefängnis geworden, das in ihm die asketische Fähigkeit zur Kreativität zerstört. Ob er wirklich nach einem Gemeinschaftsschicksal, nach einer weniger individualistischen Moral und nach einem geselligeren Leben strebt, wie er ständig behauptet, ist sehr die Frage. Die Ungerechtigkeit und Ungleichheit in seiner Gesellschaft ist nämlich so unerträglich wie die brutale Gleichgültigkeit der Bürger untereinander, wie die Unreife und Verweichlichung der Bourgeoisie und schließlich wie die absolute Einsamkeit gegenüber der Tyrannei.
Zu selbstgefällig, zu zufrieden, zu narzisstisch in der Wertschätzung seiner eigenen Person und der anderen, verliert er seinen Bezug zur Spiritualität umso mehr, als er die Moderne nur als Herrschaft der Materie, die Gegenwart nur als Verflachung der Vergangenheit, den Okzident nur als kurzzeitige Aufblähung der Technik betrachtet. Diese Sichtweise ist nicht nur das Resultat der trivialen Ideen, wie sie jede Epoche hervorbringen kann, sondern sie entspricht auch der Natur der gegenwärtigen orientalischen Gesellschaft im Umbruch: Hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Frustration, lässt sie sich von den materiellen Gütern des europäischen Überflusses und den Segnungen der Moderne verlocken, wobei die politische Klasse, sobald sie zur Macht gelangt, ihnen besonders hemmungslos verfällt.
Die Unfähigkeit, die Gegenwart zu begreifen, ist auch ein Verkennen seiner selbst, und die Spiritualität, die der Orientale dem Okzident abspricht, ist die, die er in seinem eigenen Innern nicht findet. Sein Blick, der auf das gerichtet ist, was ihn beseelt, war nie so tief in die Materie versenkt wie in dem Augenblick, in dem er sie zu bekämpfen glaubte.
Weil er die Erfahrung der Emanzipation und auf eine tiefere Art die immaterielle Erfahrung der Freiheit nicht gemacht hat, fehlt ihm in seinem Bezug zu dieser Welt gerade das Wesentliche, das sie ausmacht. Deshalb kann er seinen Platz in ihr nur als weitere Unterwerfung unter ihre Macht empfinden.
Dieses spirituelle Stadium der Freiheit ist etwas, vor dem er Halt macht und zurückschreckt wie vor etwas Fremdem, Feindlichem, Bedrohlichem, wovon er lediglich das mechanische Rumoren vernimmt. Seine Ablehnung des Abendlandes, in dem er seinen eigenen Untergang zu sehen glaubt, ist die panische Angst vor einer Selbstprüfung, der er sich nicht unterziehen will, und die Weigerung, seine eigene Erfahrung der Freiheit zu analysieren. Im Glauben, ein anderes Gesicht der Humanität zu zeigen, behindert er gerade seine eigene Menschlichkeit, sein noch unbekanntes, unterdrücktes Gesicht.
Die Erfahrung der Moderne ist jene spirituelle Erfahrung der Freiheit, und sie erdrückt ihn, denn sie ist kein äußerer Feind, den er hassen, verachten oder ignorieren kann. Sie ist vielmehr der Augenblick seiner Begegnung mit sich selbst, der unvollendete und unterdrückte Moment seiner Lage als Mensch, die ihm noch nicht klar werden und das Bild seiner vollkommenen Freiheit, das er nicht sehen will.
HÉLÉ BÉJI, 1950 in Tunesien geboren, studierte an der Sorbonne Literatur und Geschichte, ehe sie an verschiedenen Universitäten in Frankreich als Professorin unterrichtete. Ihr hier für das taz.mag gekürzter Beitrag - übersetzt von Wieland Grommes - ist dem Band "Islam, Demokratie, Moderne. Aktuelle Antworten arabischer Denker" (Herausgegeben von Erdmute Heller/Hassouna Mosbahi, Verlag C.H. Beck, München 1995) entnommen
taz Magazin Nr. 6562 vom 29.9.2001, 283 Zeilen, HÉLÉ BÉJI
DER ISLAM MUSS REFORMATION UND AUFKLÄRUNG NACHHOLEN
Vormoderne Semantik
Die islamische Religion kennt keine Kirche, keine zentrale Autorität. Die Interpretationsgewalt über die religiösen Quellen ist in der Hand von Theologen, Rechtsgelehrten und Vorbetern. Während in der abendländischen Welt die Religion im Zuge der Aufklärung erfolgreich privatisiert worden ist, erhebt sie in der islamischen Hemisphäre nach wie vor den Anspruch, eine gesetzgebende, alle Bereiche des weltlichen Lebens umfassende Ordnungsmacht zu sein. Westliche Intellektuelle können sich kritisch auf das Judentum und Christentum beziehen, wenn sie ihre Identität definieren. Der Islam aber fällt als moralische Kraft und ästhetische Inspirationsquelle für die moderne Welt weitgehend aus, weil seine Semantik vormodern geblieben ist. Muslimische Intellektuelle säkularer Prägung erreichen mit ihren Kritiken weder die Massen noch die religiösen Leitfiguren.
Spätestens seit den radikalen Reformen Kemal Atatürks in der Türkei bestimmt somit eine tiefe Spaltung das geistige Leben in der islamischen Welt. Diese Spaltung gilt es zu überwinden, um jene Kräfte zu schwächen, die im Namen des Islam Terror und Schrecken verbreiten. Diese Aufgabe scheint kaum erfüllbar zu sein. Denn die muslimischen Theologen, bis auf wenige Ausnahmen, haben sich vom intellektuellen Leben verabschiedet. Sie leben abgeschottet, innerhalb der engen Interpretationsräume ihrer heiligen Texte. Die säkularisierten Intellektuellen ihrerseits haben sich vom Islam abgewandt und sind pessimistisch im Hinblick auf die Reformfähigkeit des Islam. Ihre geistige Welt ist inzwischen deckungsgleich mit den Denkgebäuden der aufgeklärten Welt.
Es gibt eine Reihe von Konferenzen mit dem Thema "Islam und Aufklärung", "Islam und Menschenrechte". Die Wirkung, die von solchen Debattierrunden ausgeht, verpufft jedoch schnell, weil die Stimmen, die auf den Podien zu Wort kommen, nicht in der Lage sind, die Massen zu erreichen und eine permanente Diskussion auszulösen. Zu viele Kritiker des radikalen Islam sind in den letzten Jahren Attentaten zum Opfer gefallen. Zu wenige geistliche Führer erkennen die Notlage, in der das islamische Denken der Gegenwart steckt. Sie flüchten sich in eine apologetische Haltung, die den Westen und seine Werte zum Sündenbock für die eigene Krise macht. Gibt es also keine Hoffnung?
Was jetzt geschehen muss, ist eine Vernetzung aller aufgeklärten Stimmen in der islamischen Welt. Es gibt durchaus bedeutende Gelehrte und Autoren, die mit innerislamischen Argumenten eine Reformation des Islam einleiten könnten. Diese sitzen sowohl in den Metropolen des Westens wie in Paris, als auch in der islamischen Welt, in Sarajevo, in Marokko, in der Türkei und auch im Iran. Die so genannten Reformkräfte im Iran üben gerade diesen Spagat zwischen Aufklärung und Islam, bisher mit geringem Erfolg. Die Türkei war in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts Schauplatz zahlreicher geistiger und politischer Auseinandersetzungen für eine Reform des islamischen Denkens. Doch diese kritischen Ansätze sind bislang nicht gut organisiert, berühren sich nur ansatzweise - und was noch schwerer wiegt: sie finden keine politische und soziale Unterstützung. Der Westen hat sich bislang viel zu wenig um die Angelegenheiten des islamischen Denkens gekümmert. Was an der islamischen Welt interessiert, ist Öl, sind strategische Optionen.
In den letzten Jahren setzte man auf einen Dialog zwischen den Kulturen und Religionen. Doch viel wichtiger ist jetzt der Dialog innerhalb der islamischen Kultur, um die Kluft zwischen geistiger und geistlicher Welt zu überbrücken. Beginnen müssten diesen Dialog gemäßigte islamische Geistliche und säkular orientierte Intellektuelle.
Nur eine konzertierte Aktion, die mit wirtschaftlichen, politischen, sozialen und geistigen Mitteln vorgeht, wird im Kampf gegen den Terror zum Erfolg führen. Die Verbündeten in diesem Kampf sind nicht nur Juden, Christen und Nichtkonfessionelle, sondern auch Muslime, die jetzt besonders herausgefordert sind, gegen die Missinterpretation ihres Glaubens vorzugehen. Es rächt sich bitter, dass die islamische Welt Regime wie die der Saudis und der Taliban toleriert, ihre Untaten unkommentiert hinnimmt. Doch wer soll diese Leute exkommunizieren? ZAFER SENOCAK
1961 in Ankara geboren, lebt als Autor in Berlin. In diesem Monat erscheint seine Essaysammlung "Zungenentfernung" im Babel Verlag
taz Nr. 6556 vom 22.9.2001, 94 Zeilen, ZAFER SENOCAK
Die "Kultur" hat kein Wesen
"Kampf der Kulturen" oder "Feindbild Islam"? Diese beiden Erklärungsmuster wirken gegensätzlich. Doch tatsächlich haben sie viel gemeinsam - nicht nur, dass sie falsch sind
Seit den Anschlägen in den USA werden zwei Theoreme inflationär gebraucht: "Kampf der Kulturen" und "Feindbild Islam". Die Begriffe geistern seit Jahren immer dann durch die Debatte, wenn es um das Verhältnis zwischen der so genannten westlichen Welt und der so genannten islamischen geht. Auf den ersten Blick beschreiben diese Denkansätze Kontroverses. In Wirklichkeit wurzeln jedoch beide Vorstellungen in einem essenzialistischen Kulturbegriff, schreiben also Kulturen feste Wesensmerkmale zu.
Jene, die behaupten, der Westen pflege ein "Feindbild Islam", gehen von zweierlei aus. Erstens: In den tieferen Schichten des europäischen Unterbewusstseins schlummere eine bis in die Zeit der Kreuzzüge zurückreichende Furcht und Phobie gegenüber der islamischen Welt, die jederzeit aktiviert werden könne. Zweitens: Der Westen brauche ein Feindbild, um sich seiner Identität zu versichern und geopolitische Interessen sowie militärische Aufrüstung zu legitimieren. Deshalb habe man nach dem Ost-West-Konflikt das alte Feindbild Kommunismus durch jenes des Islam ersetzt.
Vorgetragen wird dieses Argument vor allem von Vertretern islamischer Organisationen, einem Teil der bundesdeutschen Linken und von Islam-Experten. Jenem Kreis also, der sich der Widerlegung der Thesen vom "Kampf der Kulturen" verschrieben hat, die Samuel P. Huntington Mitte der Neunzigerjahre zur Diskussion stellte.
Grob zusammengefasst lautet Huntingtons These: Die Weltpolitik im 21. Jahrhundert werde nicht von Auseinandersetzungen politischer, ideologischer oder wirtschaftlicher Natur bestimmt, sondern vom Konflikt zwischen den sieben großen Weltkulturen. Wer sein Werk liest, kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass der Islam die größte Bedrohung des Westens ist.
Wie bei der These vom Feindbild Islam funktioniert auch die Behauptung eines Kampfes der Kulturen nur dann, wenn voneinander abgrenzbare Kulturkreise definiert und ihnen Wesensmerkmale sowie daraus resultierende Konfiktpotenziale zugeordnet werden. In beiden Fällen ist dies zum Scheitern verurteilt.
Zunächst zum Kampf der Kulturen. Dieses Konzept geht davon aus, dass es homogene Gesellschaften gäbe, die sich als Blöcke gegenüberstehen. Doch sind Kulturen oder besser Gesellschaften heute alles andere als uniform. In der Regel sind sie zerklüftet und zerfallen in eine Vielzahl unterschiedlichster Interessen und Identitäten, wie Dieter Senghaas in seinem Buch "Zivilisierung wider Willen" eindrucksvoll analysiert hat. Das Resultat: Schon innerhalb einer Gesellschaft stehen sich widerstreitende Dominanz- und Machtansprüche gegenüber.
Die Konfliktlinien verlaufen heute seltener transnational, sondern meist innerhalb der Gesellschaften. Zwei Beispiele: Ägypten führt heute nicht mehr Krieg gegen Israel, sondern gegen die militanten Muslimbrüderschaften. Und in Algerien metzeln Muslime nicht Christen nieder, sondern Muslime.
Zudem haben islamistische Gruppen nur wenig mit dem Islam als Religion zu tun, sondern sind in erster Linie eine Reaktion auf ökonomische, politische und gesellschaftliche Krisen. Sie sehen sich als Alternative zu den nationalistischen, sozialistischen und neoliberalen Modellen gesellschaftlicher Entwicklung, die in der "islamischen" Welt offensichtlich alle gescheitert sind.
Weder Gewalt noch eine Unvereinbarkeit mit demokratischen Prinzipien oder die Ablehnung universalistischer Werte wohnen dem Islam als Wesensmerkmal inne. Ebenso wenig sind Werte wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Gleichheit der Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Rasse und Religion per se ein Charakteristikum der westeuropäischen Gesellschaften. Diese Werte mussten in langen Kämpfen erstritten werden. Und sie sind stets aufs Neue zu verteidigen.
Die Abkehr von einem essenzialistischen Kulturbegriff bedeutet allerdings auch, der These vom Feindbild Islam zu widersprechen. Sie ist im Kern die Wiederbelebung der antiquierten Vorstellung, es gäbe eine Art "Erbkonflikt" zwischen "Abendland" und "Morgenland". Diesen gibt es nicht. Auch ein brisanter oder heißer Konflikt zwischen der islamischen Welt und Westeuropa existiert nicht. Daran ändern die jüngsten Attentate ebenso wenig wie die Versuche von islamistischen Gruppen, die Gewalt des serbischen Militärs und der Polizei im Kosovo als einen christlich-islamischen Konflikt zu interpretieren. Allein die militärische Intervention der Nato zugunsten der mehrheitlich muslimischen Kosovaren lehrt etwas anderes.
Während die nicht demokratisch legitimierten Führer von Staaten wie Irak, Afghanistan, Syrien und Libyen antiwestliche Ressentiments als Bindemittel und zur Herrschaftssicherung benötigen, können die EU-Staaten weitgehend auf ein Feindbild verzichten. Denn sie sind im Kern areligiös und amoralisch, das heißt, von Interessen bestimmt und weniger von Tugenden, Glauben und Ehre. Das ermöglicht dem Westen im Unterschied zur Mehrheit islamischer Staaten, allen Religionen Freiheiten zu gewähren. Darauf hat Siegfried Kohlhammer in seinem Essay "Die Freunde und Feinde des Islam" hingewiesen.
Bis heute können die Vertreter der These vom "Feindbild Islam" zentrale Fragen nicht beantworten, die sich aus ihrer Theorie ergeben: Wer konstruiert das Feindbild? Wie wird es zur ideologischen Homogenisierung und zur Mobilisierung für das eigene System genutzt?
In Deutschland deutet wenig bis nichts auf ein aktuelles Feindbild Islam hin. Ansonsten wäre es nicht politisch durchsetzbar gewesen, Hunderttausende von muslimischen Flüchtlingen aus Bosnien aufzunehmen - ebenso wenig wie die Flüchtlinge aus dem Libanon, Afghanistan, der Türkei, Pakistan, Indonesien, dem Irak und dem Iran.
Weder die wirtschaftlichen noch die politische Interessen der USA und der EU-Staaten machen ein Feindbild Islam opportun. Sie würden wenig Nutzen daraus ziehen. Obgleich das Mullah-Regime in Teheran nach 1979 die Menschenrechte mit Füßen getreten hat und tatsächlich lange eine terroristische Gefahr für den Westen war, drängte die deutsche Industrie dennoch auf einen "kritischen Dialog", also zu einer Appeasement-Politik.
Auch müssen die Einwanderungsgesellschaften des Westens, wollen sie keine bürgerkriegsähnlichen Zustände unter ihrer heterogenen Bewohnerschaft heraufbeschwören, an einer Integration der Muslime, auch der islamistischen Gruppen, interessiert sein. Um dieses Ziel nicht zu gefährden, zeigen die politisch Verantwortlichen eine bis zur Selbstverleugnung reichende Toleranz auch gegenüber radikalen Islamisten, die ein sehr reales Gefahrenpotenzial sind.
Dies alles schließt Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nicht aus. Aber die Übergriffe der letzten Jahre waren in Deutschland in der Regel nicht religiös motiviert. Dennoch behaupten Islamisten, die rassistische Gewalt in Deutschland sei antiislamische Gewalt. Absichtlich wird übersehen, dass der Rassismus christliche rumänische Asylsuchende, katholische Mosambikaner, buddhistische Vietnamesen ebenso trifft wie muslimische Türken.
Das Unbehagen vieler Bürger in Westeuropa gegenüber bestimmten Ausdrucksformen islamischen Lebens sollte ernst genommen werden. Es wird jedoch nicht dadurch geringer, sondern noch gefördert, wenn man dieses Unbehagen leugnet und vorschnell als Ausgeburt des Feindbilds Islam denunziert. Es gibt zwar keine islamische Bedrohung, aber reale Bedrohungen durch islamistische Gruppen. Und nicht immer müssen sie so dramatisch sein wie die Anschläge auf das World Trade Center in New York.
In einer angespannten Situation wie heute muss ein anderer Dialog mit islamistischen Kräften geführt werden als in der Vergangenheit. Bislang hat er sich durch wenig Kompetenz und viel Blauäugigkeit ausgezeichnet. Es ist an der Zeit, diese Naivität abzulegen und offen über islamistische Organisationen und Funktionäre sowie über deren Ziele und Strategien zu informieren und zu debattieren. Nur so lassen sich die zivilen Kräfte der europäischen Gesellschaften aktivieren, zu denen selbstredend auch die Muslime gehören. Eine selbstbewusste Gesellschaft braucht weder die Krücke des Kampfes der Kulturen noch die der These vom Feindbild Islam. EBERHARD SEIDEL
taz Nr. 6554 vom 20.9.2001, 295 Zeilen, EBERHARD SEIDEL