Sprich, leise Waffe!
Aus der Süddeutschen Zeitung
Wie Osama bin Laden durch den Verzicht auf alle Rhetorik den Propagandakrieg führt - und ihn gerade deshalb zu gewinnen droht
NAVID KERMANI
Osama bin Laden spricht ein schönes Arabisch. Weder unterlaufen ihm Wendungen des Dialekts, wie es bei der heutigen Führergeneration der arabischen Welt zu beobachten ist, noch verwechselt er die komplizierten Flexionsendungen, wie es selbst Intellektuellen geschieht. Er wählt altertümliche Worte, die den gebildeten Arabern aus der religiösen Literatur und der klassischen Poesie vertraut sind, und hütet sich vor allen Neologismen. Die atemberaubend differenzierte Artikulation der hocharabischen Konsonanten sowie die Modulation und Länge der Vokale könnten präziser sein - daran merkt man die fehlende theologische Ausbildung, die mit der Rezitation des Korans auch das wohlklingende Arabisch vermittelt. Andererseits ist es gerade die bemühte Bescheidenheit des Ausdrucks, die ans Herz der Glaubensbrüder zu rühren trachtet. Wenn Gewand und location der Aufnahme eine prophetische Aura erzeugen sollen, knüpft die sprachliche Askese an die militärische und politische Unterlegenheit der frühen Muslime an, die sie durch die Reinheit ihres Glaubens vielfach kompensierten. Noch im Fehlen von Betonungen kündet seine Rhetorik vom puritanisch-wahhabitischen Geist, der angeblich mit jenem des göttlich Gesandten identisch ist.
Man kennt eine ähnliche Zurückhaltung gegenüber dem ästhetischen Glanz aus dem Protestantismus, während die muslimische Tradition, an die Sprachgewalt des Korans anknüpfend, die Pracht der Worte immer betont und gelehrt hat. Erben dieser Tradition sind die großen, oft libertären arabischen Dichter der Gegenwart wie Adonis oder Mahmud Darwisch, die ihre Verse beim Vortrag als Klangwerk inszenieren; Erben sind aber auch die politischen und religiösen Führer der heutigen arabischen Welt, die die Banalität ihrer Aussagen in Schwulst und Pathos zu ertränken suchen. Speziell sie sind es, von denen sich der Mann in den Bergen absetzt, indem er auf die klare Ruhe des Ausdrucks setzt.
Man merkt den Bruch mit der herrschenden Tradition am deutlichsten, wenn Osama bin Laden Wendungen des Korans zitiert: Wo andere Redner die Stimme grotesk zu heben und wieder zu senken pflegen, sobald sie die Offenbarung sprechen, fährt Osama bin Laden im gleichen betulichen Tonfall fort, als wolle er allein durch die Vernunft seiner Botschaft überzeugen. Dass der Verzicht auf alle Rhetorik in dieser Situation, da ihn die westliche Welt zum Ausbund des Bösen stilisiert, das klügste rhetorische Mittel ist - wer weiß, bis zu welchem Grade er selbst es übersieht. Jedenfalls ist Osama bin Laden mit einer siebenminütigen Ansprache innerhalb der islamischen Welt ein mindestens ebenso großer Mediencoup gelungen wie George W. Bush in den Vereinigten Staaten, als dieser sich innerhalb von Tagen vom verunsicherten, verbal um sich schießenden Cowboy in den entschlossenen Weltstaatsmann verwandelte.
Wer spricht zu wem?
Der Ungleichheit der militärischen Instrumente - hier ein paar Taschenmesser, um die Supermacht zu demütigen, dort die größte Militärmaschinerie der Welt, um eines der ärmsten Länder der Welt zu bombardieren - entspricht die Unterschiedlichkeit der propagandistischen Mittel: hier eine Videokamera, dort ein Heer aus Beratern, Fernsehstationen und Agenturen. Dabei richten sich die Kontrahenten ausschließlich an die je eigene, islamische beziehungsweise westliche Öffentlichkeit, selbst wo sie der Form nach die des Gegners ansprechen. Dass Osama bin Laden den Amerikanern droht, soll ihn jenen als unerschrockenen Vorkämpfer empfehlen, die sich selbst von Amerika bedroht fühlen.
Dass George W. Bush neuerdings nicht müde wird, den Islam zu loben, kann höchstens das potentiell schwankende Europa und allenfalls noch die amerikanischen Muslime erreichen. In der islamischen Welt selbst kommen die freundlichen Worte angesichts der amerikanischen Außenpolitik im Nahen Osten selbst den schärfsten Kritiker des Islamismus genauso zynisch vor wie die Essenspakete, die seine Armee nebst Bomben über Afghanistan abwirft. Wenn es der amerikanischen Administration darum gegangen wäre, die Öffentlichkeit in den islamischen Ländern zu gewinnen, hätte sie sich ein stärkeres Mandat der Vereinten Nation eingeholt, die Beweise für ihre Anschuldigungen in nachvollziehbarer Weise vorgelegt und ihre Strategie tatsächlich auf die Bekämpfung des Terrorismus ausgerichtet, anstatt sich nun auch in Zentralasien dauerhaft militärisch einzurichten und Waffen einzusetzen, die - wie die B-52-Bomber - erkennbar nicht dazu geeignet sind, einzelne Schlupflöcher auszuräuchern.
Bis zu seiner Ansprache war Osama bin Laden für die islamische Welt mehr ein Phantom denn eine reale Gestalt. Gewiss, in einzelnen Ländern sind seine Biografien verbreitetet, aber die Mehrheit der Menschen kannte ihn aus den wenigen Interviewausschnitten, die CNN, BBC und Al-Dschasira von ihm wiederholt haben. Bevor ihn die CIA vor ein paar Jahren zum Chefterroristen ausrief (kurz nachdem sie ihm zum letzten Mal Begleitschutz gewährt hatte), war er praktisch unbekannt. Er hat keine Bücher veröffentlicht, keine Doktrin entwickelt, nicht einmal Reden mitschneiden lassen - er war der Feind der Vereinigten Staaten, und das genügte den Extremisten, um ihn als väterlichen Freund anzunehmen. Dass der Chef von vielleicht drei-, vielleicht fünftausend Extremisten es überhaupt geschafft hat, zum Hauptgegner der gesamten westlichen Welt ausgerufen zu werden, dass er in den Medien weltweit als Counterpart des amerikanischen Präsidenten agiert und nicht als der Kriminelle und Mörder, der er ist, übertrifft schon alles, was sich selbst der intelligenteste Terrorist hätte erhoffen können.
Aber nun spricht dieses Phantom plötzlich zu den Menschen in der islamischen Welt und wirkt überhaupt nicht wie der Dämon, als der er präsentiert worden war. Zwar drückt sich in seinem Wort ein fanatischer Kampfeswille aus, aber er spricht nicht wie ein Fanatiker, sondern leise, behutsam, in einem schlichten, überzeugenden Arabisch. Und vieles von dem, was er sagt, entspricht dem, was viele, auch friedliche Menschen in der muslimischen Welt denken, aber nur wenige Politiker in dieser Einfachheit zu sagen wagen: über das Leid der Palästinenser, die Rolle der amerikanischen Außenpolitik, die doppelten Standards und das Gefühl, vom Westen täglich erniedrigt und entwürdigt zu werden. So einseitig das Bild ist, ist es doch nicht einseitiger als das Bild, das preisgekrönte Experten, Bestseller und unsägliche Dokumentationen hierzulande von der islamischen Welt zeichnen.
Und wer findet Gehör?
Um die bislang friedliche Mehrheit der Muslime auf seine Seite zu ziehen, musste Osama bin Laden mit seiner ersten Ansprache bis zum vergangenen Sonntag warten. Solange die Vereinigten Staaten Afghanistan nicht bombardiert hatten, wäre es aussichtslos gewesen, breitere Bevölkerungsschichten anzusprechen, da keine Aussicht bestand, die Rolle des Aggressors abzuschütteln. Wie alle Kriegsherrn musste er sich zunächst zum Opfer deklarieren, um die eigenen Angriffe - und damit den Tod unschuldiger Menschen - zu legitimieren. Deshalb hat er sich, obwohl er doch innerhalb einer rein terroristischen Logik mit ihnen prahlen könnte, keineswegs zu den Anschlägen in New York und Washington bekannt, sondern sie lediglich als gerechte Strafe begrüßt. Nun aber, nach den von ihm gewiss erwarteten, wenn nicht ersehnten Bombardements, kann er seinen Kampf als Verteidigung ausgeben, ohne allseits verlacht zu werden. Er kann die Amerikaner Terroristen nennen und das bombardierte afghanische Volk als Kronzeugen gegen die Vereinigten Staaten anführen, um an die Solidarität der Glaubensbrüder zu appellieren.
Man muss nicht an Bushs Wort vom "Kreuzzug" oder Berlusconis Ankündigung, die islamische Welt zu erobern, erinnern, um zu zeigen, dass die Mechanik des Arguments im Westen so unbekannt nicht ist. Wenn der amerikanische Präsident in seiner jüngsten Ansprache die Bereitschaft einer Viertklässlerin lobt, ihm ihren Dad "zu geben", ist das beinah identisch mit Äußerungen aus muslimischen "Märtyrerfamilien".
Osama bin Laden wird nicht die Mehrheit der Muslime überzeugen. Die meisten Menschen in der islamischen Welt durchschauen seine einfach gestrickte Masche, und ausgerechnet der Staatspräsident einer Islamischen Republik, Mohammad Chatami, hat sie in dankenswerter Klarheit benannt. Osama bin Laden ist ein mutmaßlicher Massenmörder, seine Auslegung des Islams widerspricht allen anerkannten Lehrmeinungen. Aber jene, die dazu neigen, ihm Glauben zu schenken, sind nach dieser Ansprache, soweit man das aus Telefonaten und Kommentaren erahnen kann, nicht mehr nur versprengte Radikale, sondern breitere Schichten, jedenfalls in der arabischen Welt, in Indonesien und in Pakistan. In diesen Ländern schlägt die öffentliche Meinung zwar nicht um, droht sich aber signifikant zugunsten des Terroristen zu verschieben. Auch vor der Ansprache konnte man nicht damit rechnen, dass die meisten Araber oder Pakistanis sich gleich ihren Führen vorbehaltlos auf die Seite Vereinigten Staaten stellten, doch noch viel weniger schien die Rechnung der Terroristen aufzugehen, einen Aufstand der Muslime gegen ihre eigenen Führer anzetteln zu können. Seit dem vergangenen Sonntag besteht die konkrete Gefahr, dass eine politisch relevante Minderheit in der islamischen Welt dazu neigt, aus Bushs manichäischer Rhetorik und seinem Diktum, dass es in diesem Kampf "keine Neutralität" gibt, einen fatalen Schluss ziehen, nämlich ihm zu glauben. Das ist der Schluss, den Osama bin Laden ihnen vorschlägt, wenn er davon spricht, dass die ganze Welt nun in zwei Lager geteilt sei, das Lager der Gläubigen und das der Ungläubigen.