Blindflug
Von Stewart O'Nan aus dem Tagesspiegel
Ich war gerade am Flughafen in Hartfort angekommen. Wie erwartet standen dort Soldaten und zusätzliches Sicherheitspersonal, in langen Schlangen. Zuletzt war ich am 10. September geflogen, nach Washington. Also geduldete ich mich wie alle anderen auch. Erst nachdem ich den Metalldetektor passiert hatte und die Menschenmenge sah, die sich am Ende des Ganges um etwas gruppierte, das nur ein Fernseher sein konnt, wusste ich: Es ist Krieg.
Der Fernseher stand in einer Bar, in der es Hotdogs gab. Die Berichte von CNN glichen einer Wiederholung des Golfkriegs. Als grüne Schlieren sich über Kabul in die Nacht zeichneten wie in einem Computerspiel, versuchte ich in den Gesichtern der Kunden, meiner Mitreisenden, zu lesen. Einige unterhielten sich oder zeigten auf den Bildschirm über dem Spiegel und den Schnapsflaschen, aber die meisten sahen einfach nur zu, verblüfft über diese neue Realität.
Die Luftschläge aber waren keine Überraschung. Nach seinen großen Sprüchen musste Bush etwas tun, und politisch ist ein Luftkrieg viel weniger riskant als die Entsendung von Bodentruppen. Die großen Fernsehstationen hatten die Öffentlichkeit schon seit Wochen darauf vorbereitet, indem sie ihren Nachrichtensendungen sloganartige Signets gaben wie "Amerikas Krieg gegen den Terror", "Vereintes Amerika" oder "Amerikas neuer Krieg", in rot-weiß-blau.
Viele Amerikaner waren besorgt, dass die Medien jegliche Unparteilichkeit aufgeben würden, die ihnen vielleicht einmal eigen war - dass die Moderatoren selbst bereits bestimmte Erwartungen weckten und das Land damit in den Krieg drängten. Das Fernsehen lieferte kurze Erklärungen zu den politischen und strategischen Vertracktheiten der Region, allerdings immer mit dem Ziel, "die Terroristen" zu erwischen. Und die ausführlichen Indizien, die tagtäglich referiert wurden, deuteten auf Osama bin Laden als Hauptverdächtigen hin. Von Anfang an beschuldigte die Regierung Bushs die Taliban, bin Laden Obdach zu gewähren, obwohl sie vielleicht gar nicht direkt mit den Anschlägen zu tun haben.
Natürlich gibt es auch viele Amerikaner, die klarere Beweise dafür wollen, dass die Anschläge vom 11. September wirklich auf bin Ladens Konto gehen. Und es gibt viele, die die Angriffe auf Afghanistan für einen Fehler halten und die Taliban für einen willkommenen Sündenbock, so, als missbrauchten die Vereinigten Staaten die Tragödie als Ausrede, ihre Feinde zu bekämpfen.
Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, fragen sich, was genau mit den Luftangriffen erreicht werden soll. Und sie machen sich über den Widerhall in der Region Sorgen, besonders weil Pakistan gegen einen Sieg der Nordallianz ist. Afghanistan und Pakistan gleichzeitig zu destabilisieren, könnte, verbunden mit der anhaltenden Gewalt in Kaschmir, verheerende Folgen haben.
Während die Amerikaner in ihrer Trauer und Liebe zu ihrem Land geeint sind, gibt es also einen gesunden Dissens, der vergleichbar ist mit dem während des Vietnam- oder Golfkrieges (für den ja der heutige Außenminister Colin Powell stand): Es ist die Opposition der liberalen Intellektuellen und der engagierten Studenten. Dass sich die Demokraten nicht getrauen, in der Öffentlichkeit dem Präsidenten zu widersprechen - so, als sei das im Krieg Verrat -, ist eine Schande: Denn sie sollen diese abweichende Meinung in Washington repräsentieren. Die Menschen haben der Einfachheit halber vergessen, dass es Al Gore war, der die Mehrheit der Stimmen gewonnen hatte.
Während also die Fernsehmoderatoren versuchen, Bush als Präsidenten zu feiern, der in der Krise endlich zu seiner Stärke gefunden hat, kaufen ihnen das nicht alle ab. Auch nicht, dass der Krieg eine gute Sache ist oder überhaupt notwendig. Allerdings wollen die Amerikaner nach dem 11. September ihr Land unterstützen und sie wollen die Liebe für ihr Land zeigen. Die Leute, die mit mir in Hartford das Flugzeug bestiegen, trugen Sweatshirts mit der Aufschrift "United We Stand" und hatten neue Aufnäher mit der US-Flagge an ihren Rucksäcken.
In Philadelphia, beim Umsteigen, fielen mir noch weitere patriotische Sweatshirts und Sticker auf. Ich flog mit US Airways, und in München eskortierte Polizei den Passagierbus. Bevor die Türen geöffnet wurden, schirmten die Beamten den Bus ab. Als wir dann durch die Passkontrolle gingen, sah ich, dass etliche von denen, die solche patriotischen Abzeichen trugen, einen weinroten Pass hatten. Sie waren Deutsche.
Der amerikanische Schriftsteller Stewart O'Nan (40) hat zuletzt den Roman "Das Glück der Anderen" im Rowohlt Verlag veröffentlicht. - Übersetzung: Johannes Völz.