Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Meine kleine, nüchterne Hoffnung gegen den Rausch der Hoffnungslosigkeit

eine ganz persönliche Suche mit Herz und Verstand

Von Bianca Heß

Donnerstag, 11. Oktober 2001

Ich muß ein paar Worte zum Artikel "Terror ist nur ein Symptom" von Arundhati Roy verlieren, den ich gerade las und der mich sehr bewegte. Wenn Sie ihn noch nicht gelesen haben, wäre es vielleicht sehr bereichernd für Sie,s noch zu tun.

Was macht er mit mir? Ich kann das nur schwer beschreiben, möchte es aber trotzdem versuchen.

Zunächst einmal fühle ich mich durch diesen Artikel recht gut informiert. Das ist ja schon mal eine Menge Wert.

Doch auch etwas anderes geschieht leider in mir. ich fühle mich nach dem Lesen auch so schrecklich hoffnungslos, daß ich kaum noch den Mut und die Kraft habe, Nachrichten zu hören und mich weiter mit den aktuellen Weltereignissen zu befassen. Die globale Katastrophe in all ihrer Häßlichkeit, so eindringlich und treffend beschrieben wie von Frau Arundhati Roy, erschlägt mich. Sie hat Recht! Sie hat Recht! pocht es in meinem KOpf. Alles, was sie schreibt, stimmt vermutlich. Und ich weiß nur zu genau wie jeder andere: Ich kann es nicht ändern!

Doch Ich weiß, wir alle können im kleinen etwas tun, und mir fehlen die Berichte, die auch nur das kleinste Bißchen Mut dazu machen könnten. Ist die Lage so hoffnungslos? Können wir uns dann nicht gleich alle verkriechen? Wohl denen, die einen festen Glauben an irgend etwas haben! Lassen wir uns von der Sintflut überrollen!

Was Arundhati Roy geschrieben hat, muß gesagt werden. Daran besteht gar kein Zweifel. Und wir müssen uns dringend mit Wut und Haß der anderen auseinandersetzen und sie verstehen lernen. Aber das ist verdammt schwer, solange man mit immer neuen Fakten überschwemmt wird, die man kaum verdauen kann. Manchmal denke ich, daß es geplant ist, daß man alles in den Medien so geballt, so schwarz-weiß und vor allem so kalt präsentiert bekommt, damit man nur noch wie eine Eidechse starr und kühl auf seinem STein liegen kann, unfähig, sich zu bewegen, und vergeblich auf die Sonne wartet. Innerlich gelähmte Menschen verhindern keinen Krieg der Welt.

Wir können die Situation, wie sie ist, nicht besser reden, nicht schönfärben und mit Ariel Color gewaltsam bunter machen. Das einzige, was wir bunter und schöner machen können und somit auch kreativer, sind unsere Gedanken, ist unsere ganz eigene, kleine Welt. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir nicht *nur* etwas darüber lernten, was einen Fundamentalisten zu einem solchen macht oder was einen Menschen befähigt, Terroranschläge zu begehen und mit vollbesetzten Flugzeugen in Häuser zu fliegen, sondern - zugegeben im Moment sehr abwegig erscheinend - uns mit den Festen anderer Kulturen und auch unseren eigenen beschäftigten, und damit, woran wir und andere Freude empfinden und wie wir sie teilen könnten? Klingt naiv, nicht war? Ich weiß. Aber wäre das nicht allemal konstruktiver als Starre und Ratlosigkeit? Was nützt es, wenn Millionen von Privatpersonen sich verpflichtet sehen, sich "betroffen" zu zeigen, ohne das die Gefühle in der Realität überhaupt eine Chance haben, bei all dem Durcheinander noch mitzukommen? Dies hier ist mit Sicherheit kein Plädoyer dafür, den Kopf in den Sand zu stecken und die "schlimme Welt" vor die Tür zu sperren und zu feiern. es ist ein Aufruf, unsere wirklichen Gefühle jenseits des Radiotons und der Fernsehbilder ohne jedes Tabu zu entdecken, unsere eigenen Vorurteile, unsere Ängste, unsere Unwissenheit und Orientierungslosigkeit angesichts der Terrorakte, aber zum Beispiel auch die Freude darüber, daß es uns noch gut geht, daß unsere Kinder noch ihr ABendbrot kriegen und draußen spielen dürfen. Ja sogar, daß wir immer noch in Urlaub fliegen möchten, darf zugegeben werden. Ich selbst habe am Abend der Katastrophe einer Folge der legendären Krimiserie "Paul Temple" gelauscht, schlicht und ergreifend schon deswegen, weil mein Gehirn und vor allem auch mein Herz das Bombardement an Dauerberichterstattung nicht verarbeiten konnten. Ich gebe es freimütig zu: ich brauchte Ablenkung, und ich habe sie, wie es sich für eine gute Ablenkung gehört, auch genossen. Deshalb halte ich mich weder für oberflächlich noch für herzlos. Für andere mag ein kontinuierliches Verfolgen der GEschehnisse die richtige Form der Verarbeitung gewesen sein. Es steht nicht mir und niemandem sonst zu, das zu bewerten. Andererseits passierte es mir etwa eineinhalb Wochen später, daß es mir buchstäblich fast das Herz zerriß, als mir mitten beim Abendessen die Vision eines fröhlichen, glücklichen und ganz aufgeregten Amerika-Touristen in den Sinn kam, der vielleicht lange Zeit für seinen Urlaub gespart hatte und kurz vor der Katastrophe noch ganz atemlos seiner Familie am Handy erzählte, daß er heute das World-Trade-center besteigen würde. Dieser Gedanke war mir auf einmal so nahe, daß ich da wohl zum ersten Mal wirklich mit dem Herzen begriff, daß da sehr, sehr viele Menschen *gestorben* sind. Gestorben eben: Sie werden nie wieder da sein, nie wieder telefonieren oder lachen, nicht mehr essen, nicht mehr auf der Welt sein!!!Diese scheinbar so banale und unangemessene Vorstellung brachte mich zum weinen. Ich würde nie etwas gegen Trauermärsche und Lichterketten sagen oder die Gefühle derjenigen anzweifeln, die daran teilnahmen, aber mein VErständnis, meine Sympathie und meine Solidarität gelten auch den vielen genauso mutigen, die vielleicht länger brauchten, bis der wirkliche ganz persönliche Kern der Katastrophe bei ihnen ankam oder die es , was nicht verwunderlich wäre, noch immer nicht verstanden haben. Wie auch immer wir verarbeiten: Wir können doch nur auf etwas reagieren, den Kampf gegen unsere Hoffnungslosigkeit und Angst aufnehmen, wenn wir, jeder auf seine Art, das geschehene überhaupt begriffen haben. Möge sich jeder und jede die Zeit nehmen, die er oder sie dazu braucht. Das wünsche ich mir für uns.

Doch bei all dem geht unser Altag fast weiter wie zuvor. Sagen wir es doch offen: Unsere Welt ist größtenteils keine andere, als sie vor dem 11. September war, und vielleicht ist das gut so. Vielleicht können wir daraus Kraft schöpfen, wenn wir endlich versuchen, aus unserem sicheren Nest heraus andere, ganz unterschiedliche Denkweisen an uns heran zu lassen. Die Terroranschläge sind nicht nur schrecklich, sie bieten uns vielleicht auch die Chance, uns mal über unseren Tellerrand hinauszu wagen. Ich habe kaum etwas kennengelernt, daß so viele mehr oder weniger lange und produktive Gespräche zwischen völlig fremmden Menschen ausgelöst hat wie die Ereignisse seit dem 11. September. Versuchen wir doch mal, unsere Mitmenschen, ja! Auch die scheinbar so schwierigen Ausländischen! - kennenlernen zu *wollen*, wirklich etwas über sie wissen zu wollen. Und sei es Anfangs vielleicht auch nur aus dem Motiv heraus zu entdecken, wer uns haßt. Was unterscheidet die Moslems von uns zum Beispiel? Fragen Sie mal einen!Wer weiß! Vielleicht könnten wir ihn, diesen Haß, sogar durch Worte verhindern? Durch reden Mißverständnisse ausräumen?

Da sitze ich mit einem nur recht flüchtig bekannten irakischen Taxifahrer noch eine halbe Stunde im Wagen, als ich längst zu Hause angekommen bin und höre mir seine Sicht der Dinge an. Mir mag vieles nicht gefallen, was er sagt, aber eines lerne ich dabei: Wer eine für mich völlig inakzeptable Meinung vertritt, kann trotzdem in so vielen privaten Dingen ein netter, freundlicher und rücksichtsvoller Mensch sein, der sich genauso über die Geburt seines Kindes vor einigen Monaten freut wie meine Schwester es vor vier Jahren tat. Mit dem Unterschied freilich, daß er sagt: "Die Opfer im world Trade Center tun mir schon Leid, aber im Krieg gibt es opfer, und Amerika hat den Krieg schon längst bbegonnen." Nun, an wie vielen Fronten, hat uns Arundhati Roy deutlich aufgezeigt. Aber kann ich das mit einem *Kriegsbeginn* Amerikas auch so sehen? Nein. Dennoch bin ich leider überzeugt, daß er gemäß seiner Einstellung gewillt wäre, seine Tochter oder spätere Söhne so zu erziehen, daß sie wie selbstverständlich für ihre Überzeugungen Opfer bringen werden. Halte ich ihn deshalb für einen potenziellen Terroristen? Nein. So schwierig ist manchmal die Welt.

Am meisten aber hat mir gefallen, daß ich den Mut aufbrachte, ihn nach seiner Meinung zum Thema "Terroranschläge in Amerika" zu befragen, denn es ist nicht meine Art, unbequeme Themen geradezu herauszufordern. denn ich schätzte seine Ansichten durchaus richtig ein. Aber ich habe das ausgehalten, habe es zu differenzieren und mit seiner eigenen GEschichte als ehemals verfolgtem Iraker zu verknüpfen versucht, so gut ich konnte. Ich hatte einfach Interesse. Das macht mir wieder Hoffnung. Wir können uns noch immer grüßen, und unsere Zuneigung füreinander ist immerhin so groß, daß wir, obwohl zumindest ich den STreit und ddie Diskussion gern meide, uns immer wieder aneinander mit unseren Ansichten reiben, uns kennenlernen wollen, uns nicht "befremdeln" und grundsätzlich wie Gegnern nur das schlimmste zutrauen. Auch diese Erfahrung folgte auf die Terroranschläge. Möge Gott geben, daß es nicht immer solcher Anstöße bedarf, um die Menschen auf der Straße zum reden zu bewegen. Aber nehmen wir doch dieses Interesse als Anlaß zur hoffnung und sagen wir ja zu all den bereichernden Dingen, aber auch unseren ungeliebten "Schmuddel- und Schattenseiten", denen wir auf dieser Reise begegnen werden. Mut, Toleranz, Offenheit und nicht zuletzt Humor und Freude am kennenlernen des andersartigen, gepaart mit einer ehrlichen Auseinandersetzung mit und fundiertem Wissen über die Vorgänge "draußen in der Welt" und unsere eigene Rolle im Weltgeschehen - das dürfte der richtige Weg sein, um den Sturm zu überstehen und vielleicht ein bißchen friedlicher zu werden und menschlich zu bleiben.

Und mit dieser Erkenntnis kann ich nun, vorübergehend im Einklang mit mir selbst und meinen Gefühlen, diesen Beitrag beenden. Vielleicht hat er den einen oder die andere weiter gebracht, sowie es hoffentlich auch Arundhati Roy's ARtikel getan hat oder noch tun wird. Ich glaube daran, daß die nüchterne, kleine Hoffnung, wenn sie wirklich gefühlt wird, doch das Wissen aushält und für unseren Frieden nutzbar machen kann. Und so ist es gut.

© 2001, Bianca Heß


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