Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

USA kündigen weitere Bodeneinsätze an

Dienstag, 23. Oktober 2001

Powell: Kämpfe in Afghanistan möglichst vor Winter beenden / CIA soll bin Laden aufspüren

Mit dem Kampfeinsatz von Elitesoldaten auf afghanischem Boden haben die USA eine neue Phase der Militär-Operationen gegen das Taliban-Regime begonnen. Die USA bestätigten erstmals den Tod von zwei Soldaten in der Region. Bei Luftangriffen auf Kabul wurden offenbar 13 Mitglieder einer Familie getötet. US-Präsident George W. Bush soll dem Geheimdienst CIA befohlen haben, den Terroristenführer Osama bin Laden zu töten. US-Außenminister Colin Powell möchte den Krieg in Afghanistan vor Einbruch des Winters beenden.

FRANKFURT A. M., 21. Oktober (dpa/rtr/ap/afp/me). Die US-amerikanische Militärführung hat den ersten Einsatz eines Sonderkommandos am Wochenende als Erfolg gewertet. Etwa 100 Elite-Soldaten einer Rangers-Einheit sprangen in der Nacht zum Samstag nahe der Taliban-Hochburg Kandahar mit Fallschirmen ab und griffen einen Taliban-Stützpunkt an. Die Soldaten seien nur auf geringen Widerstand gestoßen, sagte Generalstabschef Richard Myers, der auch ein Video zeigte, das nach seinen Angaben während des Einsatzes gedreht wurde. Myers kündigte zugleich weitere Boden-Operationen an. Ein Hubschrauber, der die Aktion unterstützen sollte, stürzte über Pakistan ab. Dabei kamen zwei Soldaten ums Leben, drei weitere wurden verletzt. Die Taliban sprachen von einer gescheiterten Aktion.

Die USA setzten ihre Luftangriffe gegen Ziele in Afghanistan am Sonntag fort und nahmen dabei auch Frontlinien der Taliban unter schweren Beschuss. Ziel seien Stellungen nahe der Stadt Dara Souf in der Provinz Samangan gewesen, meldete die afghanische Nachrichtenagentur AIP unter Berufung auf die Taliban.

Bei einem Angriff auf den Norden Kabuls wurden mindestens sieben Menschen getötet, wie ein AP-Reporter berichtete. Eine Bombe traf zwei Wohnhäuser. Ärzte sprachen von insgesamt 13 Toten, darunter vier Kinder. In dem Viertel befinden sich keine bekannten Stützpunkte der Taliban; eine Kaserne und andere Einrichtungen sind mehrere Kilometer entfernt.

Nach Informationen der britischen BBC kam der zehnjährige Sohn von Taliban-Chef Mohammed Omar schon in der ersten Nacht der Angriffe auf Kandahar um.

Trotz des Bombardements auf Frontstellungen der Taliban wurde der Vormarsch der oppositionellen Nordallianz nach Angaben beider Seiten gestoppt; einem Nordallianz-Sprecher zufolge zogen sich deren Truppen an der Front um Masar-e-Scharif zwei Kilometer zurück. Die Taliban eroberten nach eigenen Angaben auch Chakcharak, Hauptstadt der Provinz Ghor, zurück.

Ein Sprecher des Taliban-"Informationsministeriums" sagte am Sonntag, in Masar-e-Scharif seien fünf Männer hingerichtet worden. Ihnen sei Spionage für die USA vorgeworfen worden.

Am Samstag flüchteten erneut rund 5000 Menschen bei Chaman über die Grenze nach Pakistan. Dabei handelte es sich um die größte Zahl von Flüchtlingen, die seit Beginn der US-Angriffe an einem Tag gezählt wurden. Augenzeugen zufolge warteten am Sonntag bis zu 15 000 Menschen auf der afghanischen Seite der Grenze.

US-Außenminister Powell sagte am Sonntag in einem Interview auf die Frage, ob die USA vor Beginn des Winters strategische Orte wie Kabul und Kandahar einnehmen wollten: "Ich glaube, es wäre in unserem und im Interesse der Koalition, die Angelegenheit erledigt zu haben, bevor der Winter zuschlägt und unsere Einsätze sehr viel schwieriger macht."

Nach einem Bericht der Washington Post gab US-Präsident Bush der CIA die Anweisung, bin Laden aufzuspüren, zu töten und seine Terrororganisation Al Qaeda zu zerschlagen. Es sei der umfassendste Auftrag an die CIA in ihrer Geschichte, hieß es. Ein hoher Taliban-Vertreter hatte zuvor erklärt, Al Qaeda plane keine weiteren Selbstmordanschläge. Bin Laden und Omar hätten beschlossen, sich ganz auf die Bekämpfung von US-Einheiten auf afghanischen Boden zu konzentrieren.

Ein Militärkommandeur der Taliban traf mit pakistanischen Regierungsvertretern zusammen. Ein Sprecher des Außenministeriums in Islamabad teilte mit, bei den Gesprächen mit Dschalaluddin Hakkani sei es um die mögliche Bildung einer "breit angelegten" Regierung als Nachfolgerin der Taliban-Herrschaft gegangen. Hakkani sei aus Kandahar angereist.

Der UN-Beauftragte Lakhdar Brahimi schlug vor, nach einem Ende der US-Militäraktion solle eine Blauhelm-Truppe der Vereinten Nationen Afghanistan befrieden. Das empfahl auch der afghanische Botschafter Ravan Farhadi. Farhadi wurde noch von der alten Regierung ernannt.

Die Bundesregierung will Tadschikistan mit Entwicklungshilfe unterstützen. Außenminister Joschka Fischer versprach der Regierung des an Afghanistan angrenzenden Landes, dass neben einer Aufnahme der regulären entwicklungspolitischen Zusammenarbeit schon bald zivile deutsche Experten den Bau einer Brücke in das Gebiet der afghanischen Nordallianz prüfen würden. Über den Grenzfluss verkehrt bislang nur eine überlastete Fähre. Fischer mahnte in Duschanbe auch mehr Sensibilität in Demokratie- und Menschenrechtsfragen an.

Copyright © Frankfurter Rundschau 2001


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