Anschläge auf World Trade Center und Pentagon

Die neue Terrorkeule

Dienstag, 23. Oktober 2001

Durch die Milzbrandattacken erhalten die USA zum zweiten Mal eine Lehrstunde in Sachen asymmetrischer Kriegführung - sie sollten ihre Haltung zum Zusatzprotokoll der Biowaffenkonvention überdenken

Von Dietmar Ostermann

Mit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington hatte der Terrorismus am 11. September eine neue Quantität erreicht. Zwei altbekannte Techniken aus den Lehrbüchern des Terrors, das Entführen von Flugzeugen und das Selbstmordattentat, wurden perfide verknüpft und durch das zeitgleiche Handeln mehrerer Kommandos die fatale Wirkung weiter potenziert. Mehr als 5000 unschuldige Menschen wurden getötet. Nun erhalten die USA zum zweiten Mal eine Lehrstunde in Sachen asymmetrischer Kriegführung.

Zwar haben die Milzbrand-Briefe bislang erst ein Todesopfer gefordert. Lediglich eine Hand voll derjenigen, die den Bacillus Anthracis mit der Post geschickt bekamen, ist erkrankt; mit bis auf einen Fall sehr guten Heilungschancen übrigens. Milzbrand-Sporen nachgewiesen wurden bei ein paar dutzend weiteren Personen. Dass es bei ihnen zu einer Infektion kommt, sich das Bakterium also im Körper überhaupt entfalten kann, ist wegen der eingeleiteten Behandlung eher unwahrscheinlich. Im Krieg in Afghanistan sterben mutmaßlich jeden Tag mehr Zivilisten als in den USA mit Milzbrand-Erregern in Kontakt kommen. Von einer Epidemie kann keine Rede sein.

Trotzdem grassiert die Angst. Mit dem Milzbrand-Alarm im Kapitol hat sich die Regierungszentrale der Weltmacht USA zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen als verwundbar erwiesen. Allein die Vorstellung, jeder könne bei einer so alltäglichen Verrichtung wie dem Öffnen der Post künftig womöglich einem heimtückischen Anschlag zum Opfer fallen, trifft die offene Gesellschaft ins Herz. Entsprechend verständlich ist die Verunsicherung der Menschen.

Zumal die US-Regierung bislang den von den Urhebern der Terrorbriefe gezielt entfachten Ängsten wenig entgegenzusetzen wusste. Erst wurde der Briefterror heruntergespielt. Jetzt schwanken die Verlautbarungen zwischen allgemeinen Warnungen vor weiteren Terroranschlägen, die nur die Nervosität steigern, und Aufrufen zu einer Art wachsamer Normalität. Das gleichzeitige Schließen der einen Parlamentskammer im Kapitol bei fortgesetzter Arbeit in der anderen, eigentlich betroffenen steht da symbolisch für die Hilflosigkeit und die widersprüchlichen Signale, welche auch die Bush-Regierung im Weißen Haus nach den Milzbrand-Attacken aussendet.

Dabei wäre eine schlüssige Strategie auch für den Kampf gegen den Bioterrorismus nötiger denn je. Denn mehr als das bisherige, noch immer begrenzte Ausmaß der Milzbrand-Attacken gibt eine sich andeutende neue terroristische Qualität Anlass zur Sorge. Bislang haben Terroristen mit biologischen und chemischen Kampfstoffen vergleichsweise wenig Schaden anzurichten gewusst. Die technologischen Hürden, etwa aus Krankheitserregern eine effektive Terrorwaffe zu basteln, galten als nicht unerheblich, der Zugang zu den tödlichen Rohstoffen als begrenzt. Beides könnte sich nun als Irrtum erweisen.

Zwar kennt man die Urheber der Milzbrand-Briefe noch nicht, und die US-Regierung tut gut daran, sich mit Spekulationen zurückzuhalten. Denkbar ist mehr als eine Tätergruppe. In den USA hatte schon 1995 ein rassistischer Rechtsextremist die laxen Sicherheitsvorkehrungen der einschlägigen Labors ausgenutzt, um sich Zugang zu Pesterregern zu verschaffen. Egal aber, wer da jetzt aus dem Hinterhalt Schrecken verbreitet: Zu befürchten bleibt, dass sich nicht nur Trittbrettfahrer, sondern auch Nachahmer finden werden und dass das Zerstörungspotenzial solch biologischer Attacken künftig steigt. Militärschläge werden dies nicht verhindern können. Für sich genommen nicht ausreichend, aber dringend geboten sind schärfere Maßnahmen gegen eine Weiterverbreitung von potenziellen biologischen und chemischen Terrorkeulen. Die USA sollten ihre Haltung zum Zusatzprotokoll der Biowaffenkonvention überdenken.


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