Die Bedrohung durch den Terror ist nur wirksam zu bekämpfen, wenn man ihre Urheber und ihre Ursachen bekämpft
Von Stephan Hebel
Angst ist seit dem 11. September, erst recht seit der schwer fassbaren Bedrohung durch Bio-Terror, mehr denn je zum festen Bestandteil des gesellschaftlichen Klimas geworden. Es fragt sich, ob die Politik diesmal die richtigen Schlüsse zieht.
Sie hat im Großen und Ganzen zwei Möglichkeiten. Politiker können bei dem - menschlichen, aber irrationalen - Wunsch ihrer Wähler ansetzen, all das Bedrohliche dieser Tage möge namhaft und dann dingfest zu machen sein: Osama erledigt, Problem gelöst. Oder sie könnten sich und anderen Rechenschaft darüber ablegen, dass Osama bin Laden dem modernen Terror zwar ein Gesicht gegeben hat; dass aber die Welt wohl nicht befreit wäre vom unerklärten Krieg, wenn man den Verbrecher "tot oder lebend" zu fassen bekäme. Sie müssten dann langen Atem beweisen - mehr, als man für einen Krieg oder eine Legislaturperiode braucht.
George W. Bush hat sich zwar bisher klüger verhalten, als er zu reden pflegt. Er hat vor den Militärschlag den diplomatischen Akt der Partnersuche gesetzt und den humanitären Aspekt, wenn auch in durchschaubar propagandistischer Absicht, ins Kalkül gezogen. Es ließe sich also seine Rede vom "bösen Menschen" bin Laden als rhetorisches Zugeständnis an religiös untermalte Gut-Böse-Schemata abtun, die in den USA weiter verbreitet sind als bei uns - wenn da nicht der Verdacht bestünde, dass er wirklich so denkt.
Natürlich ist bin Laden ein böser Mensch. Aber das Material, mit dem er seine Verbrechen verübt hat, sind nicht nur Flugzeuge und - womöglich - Bakterien. Der neue Terror zimmert seine irre Ideologie und seine logistischen Stützpunkte aus einem Gefühl der Deklassierung, das viel weiter verbreitet ist als die Unterstützung für den Terror, das er aber geschickt missbraucht, um Handlanger und Märtyrer zu rekrutieren. Und dieses Gefühl hat seine Wurzeln in der Wirklichkeit einer globalen Modernisierung, die nicht nur Ungerechtigkeiten verfestigt oder produziert, sondern auch kulturelle wie religiöse Traditionen pulverisiert.
Dies den Menschen deutlicher als bisher zu sagen, wäre für westliche Politiker nicht leicht. Es wäre nicht nur der Verzicht auf eine Rhetorik, die bei allen Verweisen auf die Notwendigkeit langfristiger Politik immer wieder in einen Ton verfällt, der suggeriert, das Problem wäre mit Krieg gegen die Symbolfigur bin Laden zu lösen. Es wäre das Eingeständnis, dass repressives Handeln im internationalen oder - siehe Schily - nationalen Rahmen allenfalls Teil einer Erfolg versprechenden Strategie sein kann. Es erforderte die Bereitschaft, den Rückgriff auf militärische Mittel täglich auf das Verhältnis von (humanitärem) Schaden und Nutzen zu überprüfen. Es bedeutete, dass ein Bundeskanzler die Forderung nach einer Kriegspause auf Tauglichkeit prüfte, bevor er sie mit dem Hinweis auf Richtlinienkompetenz und Bündnissolidarität abbügelt. Es hieße, bei präventiver Krisenbewältigung oder Entwicklungshilfe so freigiebig mit Geld umzugehen wie beim Krieg.
Feindbilder, ob sie bin Laden zeigen oder den bärtigen Ausländer als solchen, mögen kurzfristig angstmindernd wirken, weil sie den Glauben fördern, es könnte ein rasches Ende der Bedrohung geben. Langfristig erreichen sie das Gegenteil: Die Menschen werden, und sei es nach der nächsten Wahl, merken, dass im Humus von Not und Entfremdung immer neue Terroristen Wurzeln schlagen werden - und sich genug Entwurzelte finden, die sie beklatschen. Nicht aus Pazifismus also gilt es die militärische Komponente des Kampfes täglich neu zu überprüfen, nicht aus nostalgischer Anhänglichkeit an überholtes Bürgerrechts-Denken ist Überwachungs-Wahn bei der "inneren Sicherheit" abzulehnen - sondern aus der Erkenntnis, dass die Bedrohung durch den Terror wirksam nur zu bekämpfen ist, wenn man ihre Urheber und ihre Ursachen bekämpft.