Die Ein-Mann-Nachrichtenagentur Afghan Islamic Press (AIP)
Von Karl Grobe
Mohammad Jakub Scharafat ist einer der wenigen Journalisten, die Direktinformationen aus dem Islamischen Emirat Afghanistan in alle Welt verbreiten können; er ist eine Ein-Mann-Nachrichtenagentur mit drei Mitarbeitern in Afghanistan sowie dreien in Pakistan und unter dem Kürzel AIP - für Afghan Islamic Press - mittlerweile nicht nur Insidern bekannt. Die Agentur hat der 1958 geborene Afghane 1979 gegründet. Er hatte sich, wie er seinen Abnehmern (darunter die wichtigsten internationalen Nachrichtenagenturen) mitteilt, über die Einseitigkeit der aus Kabul verbreiteten Informationen geärgert. Die unterlagen tatsächlich der sowjetischen Zensur.
Unablässige Telefonkontakte
Kabul-Korrespondenten der Moskauer Massenmedien wussten auch damals schon genauer und besser Bescheid, als aus ihren gedruckten und gesendeten Berichten zu entnehmen war. "Ich habe die Story durchgegeben und dann meinem Chefredakteur erzählt, was hier wirklich los ist", gaben sie gesprächsweise manchmal zu. "Es ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was in meinem Bericht steht", ist der FR seit 1978 - nach dem Putsch, der die Regierung Daud stürzte - nicht nur einmal zu Ohren gekommen.
Dieser propagandistische Umgang mit der Ware Nachricht hat Scharafat motiviert, AIP aufzumachen. Sein Erfolg kommt aus der ständigen Suche nach der Wahrheit hinter den offiziellen und oppositionellen Verlautbarungen. Die Erklärungen der Taliban hört er gleichwohl an und verschweigt sie nicht. Und deren Gegner wissen ebenfalls, dass er alle Informationen so gewissenhaft prüft, wie es angesichts der schwierigen Kommunikationsmöglichkeiten eben geht.
Wie dpa beobachtet hat, sammelt Mohammad Jakub Scharafat Nachrichten durch unablässige Telefonkontakte und sucht mit demselben technischen Mittel nach ihrer Bestätigung. Erst dann bringt er sie handschriftlich zu Papier und versendet sie über einen Fax-Verteiler an seine Kunden. Auf der Internet-Seite von "Out There News" ( www.megastories.com ist die englische Bearbeitung zu lesen; dieser Online-Dienst bezeichnet AIP als eine "den Taliban nahe stehende" Quelle, deren Informationen durch die Übersetzung als Nachricht aus erster Hand zur Verfügung gestellt werden sollen. Dass Scharafat das Sprachrohr der Taliban sei, trifft aber so nicht zu.
Eine Übersicht über die Informationen, die von anderen Medien verbreitet werden, hat Afghan News Network (ANN) ins Internet ( www.myafghan.com gestellt. Auch dort wird AIP zitiert, interessant sind jedoch auch die Texte, die etwa von Reuters, Kyodo oder der iranischen Irna für das Publikum in Asien verbreitet werden. Meist sind sie ausführlicher als die in Europa verbreiteten Versionen derselben Texte. ANN ist privat, politisch ungebunden und wird von US-Bürgern in den Vereinigten Staaten - hauptsächlich an Afghanistan interessierten College-Studenten - unterhalten.
Seit die US-Regierung die führenden Massenmedien des Landes dazu zu verpflichten sucht, die Äußerungen der "anderen Seite" nicht mehr zu veröffentlichen und vor allem keine Originalinterviews mit deren Vertretern zu senden (weil sie, wie Präsidentenberaterin Condoleezza Rice meint, verschlüsselte Botschaften an Agenten enthalten könnten), sind solche Dienste wie AIP und ANN für die Bewertung der Entwicklung unverzichtbar. Die andere Seite zu hören ist ein alter Grundsatz.
Die andere Seite hören
Die Londoner Times hat sich zum Beispiel in ihrer Nachrichtengebung während des Zweiten Weltkriegs strikt daran gehalten: Ihre eigene Position, in Kommentaren deutlich gemacht, war die der Regierung Churchill. Doch den Tagesbericht der NS-Wehrmacht druckte sie auch im Wortlaut, weil sie dem Unterscheidungsvermögen ihrer Leser vertraute.